Briefe aus Absurdistan

In Absurdistan finden Wahlen statt. 100 Mandate sind zu vergeben.

Von den 100.000 gültigen Stimmen entfallen auf Partei A 42.000, auf Partei B 41.500 und auf Partei C 16.500 Stimmen. Wie verteilen sich die Mandate auf die Parteien?

Variante 1: Im Land gibt es 10 Wahlkreise, in denen jeweils 10 Mandate vergeben werden. Es gilt ein Mehrheitswahlrecht, die stimmstärkste Partei eines Wahlkreises erhält also jeweils alle Mandate. In 9 Wahlkreisen liegt Partei B ganz knapp vorne, im 10. Wahlkreise dominiert Partei A massiv.

Ergebnis: Partei A 10 Mandate, Partei B 90 Mandate.

Variante 2: Im Land gibt es nur einen Wahlkreis. Es gilt ein Verhältniswahlrecht, die Stimmen werden nach dem D’Hondtschen Verfahren ausgewertet.

Ergebnis: Partei A und B jeweils 42 Mandate, Partei C 16 Mandate.

Variante 3: Im Land gibt es nur einen Wahlkreis, und es gilt ein Mehrheitswahlrecht.

Ergebnis: Partei A 100 Mandate.

In Absurdistan legt der Innenminister, er gehört der Partei A an, den Auswertungsmodus erst nach der Wahl fest. Für welchen wird er sich wohl entscheiden? „Absurd und verrückt“, werden Sie sich jetzt denken, und das denke ich mir auch, das Absurde ist nur leider gar nicht so weit von dem entfernt, was sich gerade in Österreich abspielt.

Am vergangenen Mittwoch haben in der 8. Schulstufe die Standardtests in Mathematik stattgefunden. Kostenpunkt: 36 Millionen Euro. (1) Rückgemeldet wird ein „fairer Vergleich“ zum Referenzwert „ähnlicher Schulen“ – aber erst in einem halben Jahr. Ein höheres Tempo darf man sich um 36 Millionen Euro wirklich nicht erwarten.

Grundsätzlich halte ich einen solchen „fairen“ Vergleich von Schulen mit vergleichbarer Schülerpopulation für vernünftig, doch müssten die Regeln für seine Berechnung gründlich überlegt und VOR der Testung fixiert und offengelegt werden. Andernfalls kann „man“ je nach der Gewichtung einzelner Faktoren (Anteil von SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache, sozioökonomischer Hintergrund, Bildungsaffinität der Eltern etc.) nahezu jedes beliebige Ergebnis herbeirechnen.

Dieses ministerielle Vorgehen, das wir im Vorfeld wiederholt beanstandet haben, hat jetzt zu massiver Kritik in den Medien geführt. (2) Die Antwort aus dem BMUKK: Ein wilder Leserbrief von Josef Galley, einem der PressesprecherInnen von BM Schmied, in dem er der „Presse“ die Erfüllung von „Politaufträgen auf brutalste Weise“ (3) vorwirft. Das entbehrt nicht einer gewissen – wohl unfreiwilligen – Komik, stammt dieser Vorwurf doch von einem ehemaligen Redakteur des Qualitätsblattes „Österreich“, das sich nach wie vor ansehnlicher Zuwendungen durch das BMUKK erfreut. (4)

Volle Transparenz würde die Kritik wohl eher verstummen lassen als böse Briefe aus Absurdistan – dem Ministerbüro, wollte ich natürlich sagen.

(1) Siehe Leistung in Mathematik auf dem Prüfstand. In: Presse Online vom 21. Mai 2012.

(2) Siehe z.B. Christoph Schwarz, Die schmutzigen Tricks der Claudia Schmied. In: Presse (Print-Ausgabe) vom 23. Mai 2012 oder Andreas Unterberger, Bildungsstandards: Sind die Tests sinnvoll? In: Salzburger Nachrichten Online vom 25. Mai 2012.

(3) Leserbrief von Josef Galley in der Print-Ausgabe der „Presse“ vom 26. Mai 2012.

(4) Darüber habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Siehe Eckehard Quin, Faule Spitzenverdiener. In: QUINtessenzen vom 14. September 2011.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Briefe aus Absurdistan

  1. Was an dem „Fairen Vergleich“ fair ist, konnte ich in vielen Stunden der Ausbildung zum Testleitertrainer und Qualitätsprüfer trotz ehrlicher Bemühungen der BIFIE-Vortragenden bis jetzt nicht verstehen … Als Mathematiker habe ich aber stets dabei betont, dass damit jeder „statistischen Manipulation“ Tür und Tor geöffnet sei …

  2. Erich Wallner

    Die Idee, bei der Auswertung von Messdaten zusätzliche (z.B. sozioökonomische) Parameter einfließen zu lassen, ist ausbaufähig:
    Nehmen wir Alkoholkontrollen im Straßenverkehr. Derzeit werden alle mit dem Grenzwert von 0,5 Promille über einen Kamm geschoren. Wenn ein Durchschnittsbürger auf 0,8 kommt, ist das nach allgemeinem Verständnis in der heutigen Zeit als unverantwortlich zu betrachten. Wenn aber jemand, der schon einen Säufer als Vater hatte und selber noch dazu langjähriger Spiegeltrinker ist, mit 0,8 erwischt wird, dann ist das geradezu ein Ausweis von Disziplin und Selbstkontrolle an diesem Tag, weil sein sonstiger Durchschnittspegel jenseits von 1 Promille liegt. Es erscheint daher nur recht und billig, einem Alkoholiker einen Umrechnungsfaktor von, sagen wir, 0,5 einzuräumen: 0,8 x 0,5 = 0,4. Damit wären wir wieder im grünen Bereich, und die Statistik von Alkoholdelikten schaut schon wieder viel besser aus.

  3. Keyman

    An unserer Schule wurde die so dringende Testung ebenfalls durchgeführt. Trotz betonter Wichtigkeit, wurden die Testunterlagen auch nach über einer Woche noch immer nicht abgeholt und harren in der Direktion ihrer Beachtung. Das Bildungssystem in Österreich erinnert einfach stark an die Finanzsituation in Europa. Rede dem scheinbar dummen, unwissenden Volk einfach so lange ein, dass es nichts davon versteht, lass einige „Experten“ in diversen Talk-Shows über Gott und die Welt schwadronieren. Während dieser Abläufe kann man das Prekariat – es steht ehrgebeugt, starr, mit offenem Mund, ob er enormen Intelligenz der Diskussionsbeteiligten – noch leichter gegen eine bestimmte Berufsgruppe in rasche versetzen. Zum Kommentar von Herrn Erich Wallner eine Bemerkung: eigentlich müsste man den letzten denkenden Österreichern eine permanente 1,5 Promille-Untergrenze tolerieren, denn, nüchtern hält man die derzeitigen Abläufe, nicht nur im Bildungsbereich, ohnedies nicht mehr aus.

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