Gerhard Riegler: Chinesische Infusionen

Erst ein Blick auf YouTube (1) ließ mich glauben, was die „Welt“ in einem Kurzbericht über ein chinesisches Gymnasium (2) berichtete. Ganze Schulklassen hängen an der Nadel. Wer jetzt an traditionelle chinesische Medizin denkt, irrt: Die Schülerinnen und Schüler werden intravenös gedopt, bekommen Infusionen, um ihre Leistungsfähigkeit bei den Abschlussprüfungen zu steigern.

Dieser Wahnsinn hat Methode. Die Methode ist sehr einfach und stammt aus der Denkfabrik der OECD-„Bildungspolitik“:

  1. Lasse möglichst viele Menschen möglichst lange gemeinsam zu einer Engstelle strömen und sortiere sie dort nach beinharten Leistungskriterien aus!
  2. Gib denen, deren Eltern es sich leisten können, die „Möglichkeit“, sich finanziell an der heiß begehrten weiteren Bildungslaufbahn zu „beteiligen“!

Dein Profit sind

  • junge Menschen, die sich Infusionen setzen lassen, um ihre Mitschüler zu übertrumpfen, die neben ihnen ebenfalls an der Nadel hängen, und
  • immer mehr Eltern, die sich immer mehr für ein Studium ihrer Kinder verausgaben (müssen).

5,9 % der Kosten für ein universitäres Studium werden in Österreich von den Studierenden bzw. ihren Eltern getragen. In asiatischen Staaten sind es hingegen inzwischen schon über 50 %. (3)

Wer denkt, dass dies in Europa undenkbar sei, irrt leider schon wieder. In England werden ab Herbst fast drei Mal so hohe Studiengebühren eingehoben wie bisher: umgerechnet 900 € pro Monat, zwölf Mal im Jahr …

Es ist grotesk, mit welch dümmlicher Propaganda Österreich in diesen Bildungszug der Lemminge hineingetrieben werden soll. Demokratiepolitisch ist es natürlich bedenklich, wie bereitwillig manche Medien aufs Wort der Ministerin apportieren, aber nicht verwunderlich: Es hängt so mancher Chefredakteur quasi als Inseraten-Junkie am Tropf der Ministerin, die diese Abhängigkeit für sich zu nutzen versteht.

(1) http://www.youtube.com/watch?v=e-ke-gA4Bbo

(2) Chinesische Schüler setzen bei Abschlussprüfung auf Infusionen. In: Welt Online vom 8. Mai 2012

(3) OECD, “Education at a Glance 2011 – OECD-Indicators” (2011), S. 244

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Chinesische Infusionen

  1. Ein recht mutiger Beitrag und doch umso entlarvender! Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass einige unserer PolitikerInnen aus der ersten Reihe nur sehr wenig fachliche Ahnung von ihrem Geschäft haben. Umso bedauerlicher ist es, wenn dann fachliche Inkompetenz durch (partei-)politische Agitation ersetzt wird. Und auf diese fallen nicht nur manche Medien sondern vor allem viele Wählerinnen und Wähler herein …

    Danke an Gerhard Riegler für seine Öffentlichkeitsarbeit im Allgemeinen und für seine Beiträge bei den Quintessenzen im Besonderen!!!

  2. Herzlichen Dank für diesen Beitrag! Hoffnung habe ich aber keine, dass jene verantwortungslosen Bildungsverantwortlichen, die ihn lesen müssten, lesen werden. Und wenn sie ihn lesen, werden sie ihn in ihrer unbeschreiblichen Borniertheit ignorieren.

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