Vertrauen statt Vernaderung

Als Historiker und christlich-sozialer Arbeitnehmervertreter bin ich mir der tragischen Vorfälle bewusst, die zum Tag der Arbeit geführt haben. Doch ich möchte hier nicht über das Haymarket Massaker von 1886 schreiben (1) und auch die traditionellen Mai-Aufmärsche linker Parteien und Organisationen nicht kommentieren. Sie werden auch heuer keine großen Massen anlocken, da diese Traditionen – gleichgültig, von welcher politischen Gesinnungsgemeinschaft sie organisiert werden – in der öffentlichen Wahrnehmung verstaubt wirken und zusätzlich unter dem inferioren Image der PolitikerInnen leiden.

Ich möchte vielmehr allen meinen tiefen Respekt aussprechen, die am Gelingen der Sozialpartnerschaft beteiligt sind und diese zu leben versuchen. „Die Zeit“ ist wohl so manchem österreichischen Printmedium weit überlegen. Dort erschien am 26. April 2012 ein Artikel mit dem Titel „Respekt, Kollegen“, aus dem ich anlässlich des Tages der Arbeit zitieren möchte:

In der breiten Öffentlichkeit wurden Arbeitnehmervertreter lange Zeit als „Betonköpfe“ beschimpft, als „Bremser“ und „Gestrige“, die man nicht mehr brauche. Es ist höchste Zeit, dieses Bild zu korrigieren. […] Überhaupt steht die deutsche Wirtschaft gerade dort, wo die Gewerkschaften stark sind, unglaublich gut da. […] Das zeigt: Durchsetzungsfähige Arbeitnehmer und wettbewerbsfähige Firmen sind kein Gegensatz. Im Gegenteil, große Gewerkschaften können sogar leichter auf die wirtschaftliche Lage Rücksicht nehmen. Sie müssen sich nicht mit extremen Forderungen profilieren, wie manche Splittertruppe. Und sie wissen, welches Gewicht ihre Lohnabschlüsse haben. Wenn sie überziehen, steigen die Kosten auf so breiter Fläche, dass Jobs in Gefahr geraten. Machtvolle Gewerkschaften spüren diese Verantwortung. Das haben sie bewiesen. […] Der britische Economist nannte das Tarifvertragssystem, das die hiesige Wirtschaft immer noch dominiert, kürzlich einen Standortvorteil. […] Gewerkschaften sind keine Heilsbringer, sie sind nicht „die Guten“ (so wenig, wie Arbeitgeber „die Bösen“ sind). Aber sie werden im Kräftespiel der sozialen Marktwirtschaft gebraucht. Und sie sind auf ihre Weise sogar modern – in diesen Zeiten, in denen über allerlei neue Formen direkter Beteiligung diskutiert wird, über Politik von der Basis und mehr Partizipation. Wer sich in einer Gewerkschaft organisiert, ruft nicht nach dem Staat. Er nimmt seine Interessen gemeinsam mit anderen selbst in die Hand. Das ist eine ziemlich kluge Strategie.“ (2)

Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst ist eine der größten Gewerkschaften Österreichs. Sie verdient Vertrauen statt Vernaderung. So etwas würde ich gerne in Österreichs Medien lesen…

(1) Genaueres dazu z. B. auf Wikipedia unter Haymarket Riot oder ausführlicher unter Haymarket affair.

(2) Kolja Rudizio, Respekt, Kollegen. In: Die Zeit vom 26. April 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

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3 Antworten zu “Vertrauen statt Vernaderung

  1. Erich Wallner

    Dieser Artikel beschreibt die Verhältnisse in Deutschland. Dort ist das Gegenstück des Beamtengewerkschafters Fritz Neugebauer ein Herr namens Frank Bsirske – seit 2001 an der Spitze der Gewerkschaft ver.di. Auf Wikipedia findet man über ihn u.a.:
    „Aus der Aufsichtsrat-Tätigkeit bei der Lufthansa erhielt er 2010 insgesamt 175.000 Euro[3], als Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Postbank mehr als 18.000 Euro[4] und aus der Tätigkeit als Aufsichtsrat für den Energiekonzern RWE noch einmal 234.000 Euro in 2010.[5] Im Gegenzug segnete er als Mitglied des Aufsichtsrats das Gehalt von RWE Boss Großmann in Höhe von 6,4 Mio Euro ab. Als Begründung behauptet er Großmann hätte genauso gute Arbeit wie Krankenschwestern und Müllwerker geleistet.[6]“
    Dazu noch:
    „Im Sommer 2008 wurde Bsirske öffentlich kritisiert, weil er eine private First-Class-Flugreise mit der Lufthansa nach Los Angeles unternommen hatte, während die Fluggesellschaft zeitgleich durch ver.di bestreikt wurde. Als Mitglied des Aufsichtsrates der Lufthansa wurden ihm solche Freiflüge gewährt. Nach heftiger Kritik aus den Medien, von Politikern der Unionsparteien und FDP sowie auch aus dem Gewerkschaftslager selbst erklärte sich Bsirske bereit, den Flugpreis selbst zu tragen.[7][8]“

  2. Mich wundert eigentlich nur Eines:
    Es ist *Tag der Arbeit* und kein Schwein arbeitet! Vermutlich sehe ich das Ganze wieder einmal zu eng …

  3. Vertrauen zu erwerben ist einer der schwierigsten Aufgaben. Ob man sie „verdient“ entscheidet man mit seiner eigenen Haltung, gemessen mit der Wahrnehmung der Anderen. Vielleicht mag eine offene Selbstreflektion hilfreich sein um das „Service-Placement“ für unsere zukünftige verantwortliche Jugend zu prüfen

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