Gerhard Riegler: Märchenhafte Bildungspolitik

Nach Lektüre des Interviews unserer Unterrichtsministerin in den Salzburger Nachrichten (1) wollte ich im Genre bleiben und griff deshalb zu einer alten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ (2). Als ich zum Märchen von „Hänsel und Gretel“ kam, erfasste auch mich ein Schwindel. Und ich las:

Am Rande eines riesengroßen Waldes lebte einmal vor langer, langer Zeit ein armer Schuldirektor mit einer zumindest ebenso armen Schuldirektorin. So sehr sie sich auch anstrengten: Es gelang ihnen seit Jahren immer weniger, genug Waldeinheiten (WE) für die Ihren zu finden. Von Hunger und Sorgen geplagt seufzten sie: „Was soll bloß aus uns werden? Wann können wir unseren armen Kindern endlich wieder einen feinen Fasan (FF) oder eine Urlaubsüberraschung (UÜ) bieten, wenn wir nicht einmal die notwendigsten Waldeinheiten für das täglich Gebotene haben?“

Da sahen sie plötzlich ein schneeweißes Boulevard-Vöglein auf einem goldenen Ast sitzen. Das sang so wunderschön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel, erhob sich hoch in die Lüfte und lud sie ein, ihm zu folgen. Von Neugier und Hoffnung erfüllt liefen sie ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach sich das Boulevard-Vöglein niederließ. Als sie näher herantraten, sahen sie, daß das Häuschen zur Gänze aus Waldeinheiten gebaut und mit süßesten Versprechungen gedeckt war; und die Fenster waren aus hellstem Broschüren-Zucker. „Da wollen wir unseren Hunger stillen“, sprachen die von Entbehrung gezeichneten Schuldirektoren, „und ein gesegnetes Mahl genießen.“

Da drang plötzlich eine Stimme aus der Stube heraus an ihr Ohr: „Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“ Und schon ging die Türe knarrend auf, und eine auffällig geschminkte Frau trat auf teuerste Krücken gestützt durch die Tür und lächelte sie herausfordernd an.

Das Lächeln ging den beiden Armen durch Mark und Bein, sie zuckten zusammen und ließen erschreckt fallen, was sie in Händen hielten. Die Edle aber fixierte sie mit stechendem Blick und sprach: „Ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es wird euch kein Leid geschehen.“ Sie faßte beide an der Hand und zog sie in ihr Häuschen. Im Inneren türmten sich Pfannekuchen, Äpfel, Nüsse … “

Der schrille Klingel-Ton meines Handys erlöste mich von meinem Schwindel. Vor mir lagen die Aussagen „unserer“ Ministerin.

(1) Josef Bruckmoser, AHS soll auch Schüler ohne Bestnoten nehmen. In: Salzburger Nachrichten vom 15. März 2012.

(2) Gebrüder Grimm: Hänsel und Gretel. Aus: Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe. Band 1 ( 1850 ).

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


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