Hinterbänkler

Sicher kennen Sie die Geschichte vom Auto im Straßengraben, in der dem herbeigerufenen Polizisten erklärt wird, alle Insassen seien die ganze Fahrt über hinten gesessen.

Ähnlich erstaunt wie der Polizist in dem alten Witz war wohl die Öffentlichkeit – und erst recht wir Lehrer (1) – während der letzten Woche, als es um die Verantwortung für das Schularbeitsbenotungsdesaster ging. In Presseaussendungen und Wortmeldungen überschlugen sich BIFIE und BMUKK mit Bekundungen ihrer Unschuld. Zum Gaudium des Boulevards fuhr dabei mancher auch spitze Ellenbogen aus, um sich nur ja einen Platz auf der „Rückbank der Unbeteiligten“ zu sichern und den Schwarzen Peter der Lehrerschaft zuzuschieben.

Als der Schularbeits-Tsunami den Minoritenplatz erreicht hatte, wurden von Josef Galley, einem der Pressesprecher der Ministerin, der als ehemaliger „Österreich“-Journalist Kompetenz im Umgang mit hohen Wellen erworben hat, die Luken schnell dicht gemacht. „Schularbeiten werden nach der geltenden Leistungsbeurteilungsverordnung beurteilt“, (2) tönte er von der Rückbank.

Jeder Lehrer weiß, dass die LBVO einzuhalten ist und dass in ihr keine Prozentsätze festgeschrieben sind. Was uns Lehrer allerdings gehörig ärgert: Unsere Beurteilungsautonomie wird seit Jahren mehr und mehr untergraben. Via Fortbildungsveranstaltungen und schriftlichen „Empfehlungen“ werden Beurteilungs-Korsette verbreitet, in die wir unsere Schularbeiten hineinzwängen müssen. Am meisten ärgert uns, dass diejenigen, die dies im BMUKK, im BIFIE und in den Landesschulbehörden mit mehr oder weniger sanftem Druck am vehementesten eingefordert haben, sich im medialen Krisenfall für unzuständig erklären und alle auf der Rückbank gesessen sein wollen.

Wer kennt sie nicht, die „backseat drivers“, die den Fahrer von der Rückbank aus mit guten Ratschlägen und schrillen Alarmrufen in den Wahnsinn treiben? Josef Galley scheint ein besonders talentierter Zurufer zu sein: „Wenn ein Lehrer selbst eine Schularbeit zusammenstoppelt und neue Bewertungskataloge anwendet, besteht die Aufregung zurecht.“ (3) Leider hat er nicht die Adresse genannt, bei der Lehrer, die des „Zusammenstoppelns“ müde sind, fertige Schularbeiten bestellen können.

Selbst die „Krone“ findet den lapidaren Kommentar Galleys zur Frage, was mit Schülern geschieht, die wegen rechtswidriger Beurteilung derzeit repetieren, nur mäßig lustig: „Wenn Sie jetzt im Frühjahr draufkommen, haben sie die Klasse ja fast schon wiederholt.“ (4) Claus Pándi erkennt in der Schmiedschen Schulpolitik sogar „Züge des Aufgeklärten Absolutismus“ und schreibt über Galleys Presseaussendung: „Und in exzellentem Bürokratendeutsch, voll mit Paragrafen und Gesetzeszitaten, steht dann, dass also wirklich keiner etwas dafür kann, wenn die Kinder zu Unrecht einen Fünfer bekommen haben. Und die Ministerin selber ist schon gar nicht schuld. Das muss doch selbst der dümmste Schüler kapieren.“ (5)

Wer zu schnell in die Kurve hineinfährt und kein Gefühl fürs Lenkrad hat, landet im Graben. Vielleicht sollte sich die Ministerin dies zu Herzen nehmen.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) OTS-Aussendung vom 9.März 2012.

(3) Neue Aufregung um Zentralmatura. In: Standard vom 13. März 2012.

(4) Thomas Leitner, Schüler bleiben auf den Fünfern sitzen. In: Krone vom 13. März 2013.

(5) Claus Pándi, Aufgeklärt? In: Krone vom 13. März 2013.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Hinterbänkler

  1. Aber bei Autofahrern traurig: wenn sie zu schnell in der Kurve sind, sind sie weg.
    Also: Frau Ministerin, fahren sie doch noch schneller!

  2. Warum geht mir bloß folgende Aussage eines Schweizer Erziehungswissenschaftlers nicht mehr aus dem Kopf?
    „Viele Reformen werden von Personen durchgeführt, die von außen ins Bildungssystem eingeschleust werden.“ (Univ.-Prof. Dr. Walter Herzog, Universität Bern)
    Wie lange hält dies unser Schulwesen noch aus?
    Wie lange müssen wir uns das noch bieten lassen?

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