Taschenspielertricks

Am Donnerstag war es also soweit. Das Androsch-Volksbegehren, das es mit einer noch nie dagewesenen kostenlosen Unterstützung durch den ORF und anderer Medien auf rund sechs Prozent Zustimmung brachte (1), wurde erstmals in einem parlamentarischen Ausschuss beraten. Neues oder Überraschendes gab es nicht zu hören – mit einer Ausnahme: Androsch empfahl der ÖVP, sich Südtirol zum Vorbild zu nehmen, wo es unter der Südtiroler Volkspartei seit 1950 die Gesamtschule gebe. (2)

Beachtenswert findet man das freilich nur, wenn man die Daten kennt: Bei PISA 2009 blieben Südtirols SchülerInnen im Vergleich zu denen Bayerns oder Baden-Württembergs um rund ein halbes Lernjahr zurück – und zwar in allen getesteten Kompetenzbereichen, also Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Das ist umso erstaunlicher, als der Migrantenanteil in Baden-Württembergs Schulen bei über 25 % liegt und damit fast viermal so groß ist wie der Südtirols, das zu den deutschsprachigen Regionen mit dem niedrigsten Migrantenanteil gehört. Erschwerend kommt hinzu, dass die größte Migrantengruppe Baden-Württembergs aus der Türkei stammt. Und SchülerInnen mit türkischem Migrationshintergrund weisen in allen Staaten den größten Leistungsrückstand auf. (3)

Ein „kleines“ Detail am Rande: Bayern und Baden-Württemberg haben wie Österreich ein differenziertes Schulwesen. Wenn wir unseren Blick über die Grenze richten, sollte er von Innsbruck nach Norden schweifen und nicht nach Süden.

Fazit: Wer die Südtirol-Karte zieht, ist entweder ahnungslos, oder er rechnet mit der Ahnungslosigkeit seines Gegenübers. Mehr als ein mieser Taschenspielertrick ist es jedenfalls nicht. Aber hat jemand vom Steuerakrobaten Hannes Androsch tatsächlich etwas anderes erwartet?

(1) Exakt 6,07 %. Zum Vergleich die Ergebnisse einiger anderer Volksbegehren: 1996 Tierschutz-Volksbegehren von FPÖ und Grünen 7,96 %, 2002 Volksbegehren „Sozialstaat Österreich“ 12,20 %, 2002 Volksbegehren gegen Abfangjäger 10,65 %.

(2) Siehe Bildungsvolksbegehren erreicht Parlament. In: Ö1-Morgenjournal vom 1. März 2012.

(3) Ich verweise auf die Artikelserie von Gerhard Riegler, Migration. Eine enorme Aufgabe für Österreichs Schulwesen (Wien 2011), erschienen in der AHS-Gewerkschaftszeitung.

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