Ganz und gar unmodern

Mir geht es mit gewissen Aspekten der „Modernisierung“ des öffentlichen Dienstes ähnlich wie Ephraim Kishon mit der modernen Kunst: „An den modernen Gemälden ist nur noch eins verständlich: die Signatur.

Manchmal soll die Bevölkerung wohl auch nur die „Signatur“ mitbekommen, vom Schlagwort beeindruckt werden. Ein Beispiel dafür hat mich gerade beschäftigt – eine Verordnung der Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur betreffend die Übertragung von Aufgaben nach § 5 Abs. 2 Z 4 des Bundeshaushaltsgesetzes.

Was sich hinter dieser spröden Bezeichnung versteckt, ist rasch erklärt. Die Anwendung von SAP für die Buchhaltung soll auf alle Ebenen des Budgetvollzuges ausgeweitet werden. Damit Schulen aber direkt auf Konten zugreifen dürfen, müssen sie lt. Bundeshaushaltsgesetz per Verordnung zu anweisenden Organen erklärt werden, was in eben dieser Verordnung für 139 Dienststellen gemacht wird.

Die finanziellen Auswirkungen belaufen sich auf etwa 1 435 000 Euro“, heißt es in den Erläuterungen – jährlich, versteht sich. Eine kleine Nebenbemerkung: Es gibt fast 5.800 Schulen in Österreich. Das sind die zusätzlichen jährlichen Kosten für nur 139. Das Entstehen dieser enormen Mehrkosten verwundert. Liest man dann, wodurch diese Mehrkosten entstehen, wähnt man sich nach Schilda versetzt. Zwei Beispiele: Ein (für diese Zwecke extra anzuschaffender) Scanner kostet 1.200 Euro. Die Buchhaltungsagentur des Bundes (BHAG) verrechnet pro Sachkontenbuchung 10,27 Euro.

Der Rechnungshof hat bereits vor etwa einem Jahr festgestellt: „Die Evaluierung des Zeitbedarfs für die Leistungen der BHAG im Jahr 2009 ergab, dass für die meisten Buchungen der tatsächliche Zeitbedarf nur etwa halb so hoch war, wie jener, der den Kunden verrechnet wurde. […] Die Empfehlung des RH aus dem Vorbericht, der Preiskalkulation den tatsächlichen Zeitbedarf je Leistung zugrunde zu legen, setzte die BHAG nicht um.“ (1)

Warum hört man nicht auf den Rechnungshof, also endlich mit dem Unfug auf? Das wäre wohl nicht modern, sondern ein Blockieren und Betonieren. Moderne kostet eben.

Ich vertrete den Standpunkt: Mehrausgaben im Bildungsressort sollten an die Schulen gelangen – und nicht an „Agenturen“. Aber das wäre eben ganz und gar unmodern.

(1) Bericht des Rechnungshofes, Buchhaltungsagentur des Bundes (Bund 2011/1), S. 19.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


6 Gedanken zu “Ganz und gar unmodern

  1. Die Kosten pro Sachkontenbuchung sind wirklich enorm. Dabei gibt es Kontenvorgaben, denengemäß auch Kleinstbeträge eigens gebucht und nicht in einer „Sammelbuchung“ verbucht werden müssen! So sind die Kosten für derartige Buchungen gelegentlich ein Vielvielfaches des verbuchten Betrages!

  2. Den zeitlichen Mehraufwand für die Sekretärinnen hast du dabei gar nicht erwähnt. An den Dienststelle wird kein einziger Posten eingespart. Und dass für die zentrale Abrechnung eine ausgelagerte Bundesbuchhaltungsagentur mit 400 neuen Dienstposten geschaffen wurde, fällt wohl unter das Kapitel Abbau von Beamten. Das sind natürlich keine Beamten, die sparen wir ja auf diese Art ein. Sie sind allerdings ein bisschen besser besoldet als Beamte. Den Hintersinn (Wo ist die Leistung?)verstehe ich als kleiner Steuerzahler eben nicht.

  3. Als Leiter einer Schule, die gerade mit der Umstellung auf SAP „beglückt“ ist, kann ich den Eindruck, hier Schilda hoch drei mitleiden zu müssen. Von den exorbitanten Buchungskosten habe ich bisher nicht gewusst. Was ich ergänzen kann, ist folgende Erfahrung: Die Zeit, die meine buchführende Sekretariatskraft für Buchhaltung braucht, ist um keine Minute geringer geworden, das heißt, dass durch die Doppelstruktur von schulischer Buchhaltung und Agentur Kosten anfallen, die durch Einsparungen beim Zinsendienst keinesfalls wettgemacht werden können. Im Gegenteil: Einzahlungsbelege werden zuerst von der Agentur an die Schule übermittelt, die sie dann bearbeiten muss, dann wird der Endbetrag erst wieder in der Agentur verbucht. Eine sinnlose Verdoppelung der Arbeit. Überdies ist diese totale Gängelung der Schule das gerade Gegenteil der immer wieder ´beschworenen Autonomie der Schule.

  4. Ich habe diese „Unglaublichkeit“ gelesen und mit Entsetzen zur Kenntnis genommen.
    Doch: Was kann man dagegen tun? Rechtliche Mittel? Wer ist der eigentlich verantwortliche für solche Misswirtschaft,…..?

    Anmerkung Quin: Schuld daran ist die von PolitikerInnen und Medien geschürte öffentliche (oder zumindest veröffentlichte) Meinung, dass es viel zu viele „BeamtInnen“ in Österreich gäbe und man daher solche „abbauen“ müsse. Damit sind Ausgliederungen modern. Personal im öffentlichen Dienst wird reduziert. Die Aufgaben bleiben aber natürlich vorhanden. Also werden sie ausgegliederten Einrichtungen übertragen. Der Effekt: Man hat Personal abgebaut, die Personalkosten sinken. Die Sachkosten steigen, denn die Leistung wird nun zugekauft.
    In vielen Fällen wird am Ende mehr Geld ausgegeben als anfänglich. Da aber die Zahl der öffentlich Bediensteten gesunken ist, sind PolitikerInnen und Medien glücklich.
    Sie meinen jetzt vielleicht, das sei ja irrsinnig. Dem könnte ich nicht widersprechen.

  5. Wenn ich das richtig verstanden habe, erhöht sich der Betrag einer jeden Rechnung (egal in welcher Höhe), die vom Schulkonto bezahlt wurde, praktisch um 10,27 für die Spesen. Wenn ich als Bibliothekarin Bücher einkaufe, muss ich das demnach in meinem Budget berücksichtigen. Daher hat uns also der RH erlaubt, einen Bibliotheksbeitrag von 5 € pro Schüler einzuheben, vorausgesetzt, alles wird über das Schulkonto abgewickelt! D.h. dass jeweils 2 SchülerInnen mit ihrem Beitrag die Spesen für die Bezahlung einer Rechnung finanzieren und nicht etwa ein neues Buch! Ich finde es unerhört, dass auf diese Weise unsere SchülerInnen indirekt eine Bundesagentur finanzieren! Unsere AHS werden finanziell sowieso schon so kurz gehalten, da bräuchten wir das Geld dringend für Lehrmittel, v.a. in Hinblick auf neue Matura und VWA, die uns ja auch die PolitikerInnen eingebrockt haben!
    Kann man da von Seiten der Gewerkschaft gar nichts dagegen tun?

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