Gerhard Riegler: PISA-Halloween

Als Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, der renommierte Bildungswissenschaftler der Universität Wien, diese Woche mit glasklaren Worten zur PISA-Studie aufhorchen ließ, erinnerte ich mich an seine schon vor vielen Jahren getätigte Aufforderung: Man solle ihm ein beliebiges Land nennen, er werde einen Test konstruieren, bei dem genau dieses Land den Sieg davonträgt. PISA misst einen schmalen Ausschnitt aus dem breiten Spektrum dessen, was Bildung ausmacht. Daher wird das Ergebnis immer entscheidend davon abhängen, wohin man die PISA-Scheinwerfer richtet. Die zwangsläufige Folge dieser engen Fokussierung ist natürlich, dass ein Großteil des Bildungssystems für PISA stets im Dunkeln bleibt.

Die eklatanten Schwächen der PISA-Studie blieben „ExpertInnen“ vielleicht wirklich verborgen, sind aber Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis längst bewusst. Ein weiterer von Hopmann aufgezeigter Aspekt wird wohl auch manche Fachleute überraschen: Selbst wenn alle SchülerInnen einen riesigen Sprung nach vorne machten, würde die Risikogruppe nicht kleiner, weil die Daten nachträglich so „normalisiert“ werden, dass ein bestimmter Teil die Risikogruppe bildet. Sonst würde PISA seinen „politischen Zweck“ nicht erfüllen, die Produktion von „Horrormeldungen“. (1)

Der Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann ist überzeugt davon, dass man mit PISA zwar „die Leute erschrecken“ (2), aber nichts verbessern könne, und bestätigt damit die Analyse seines Kollegen Jochen Krautz, der der OECD ebenfalls alles andere als lautere Absichten unterstellt.

Was den PISA-Spitzenreiter Finnland betrifft, bestätigt Hopmann die skeptische Haltung all derer, die der sündteuren Propaganda der Schmiedschen ExpertInnentruppe nicht auf den Leim gehen: Finnland hat „ein massives Problem am Übergang von der Sekundarstufe zu den höheren Bildungsformen und zum Arbeitsmarkt.“ (3) Die OECD schert sich keinen Deut um die horrende Jugendarbeitslosigkeit Finnlands, obwohl dies wohl ein mehr als klarer Indikator für ein falsch ausgerichtetes Bildungssystem ist.

Unsere Ministerin kümmert all das – wie könnte es anders sein – reichlich wenig. Im STANDARD reagiert sie nach „ExpertInnen“-Art: „Ich nehme die OECD sehr, sehr ernst und will die Zusammenarbeit weiter intensiv gestalten.“ (4)

Die PISA-Ergebnisse würden von der Politik nur ideologisch missbraucht, resümierte vor wenigen Tagen BIFIE-Direktor Mag. Josef Lucyshyn. (5) BM Schmied aber treibt in einem ihrer Lieblingsmedien die Provokation auf die Spitze: Sie wolle mit diesen Daten weiterhin „faktenbasiert argumentieren“. (6)

Wie lange noch soll Propaganda die Politik dominieren? Nicht nur Konrad Paul Liessmann fragt sich: „Was ist das für eine Welt, in der die Vernunft kostspieligen und windigen Testinszenierungen hofieren muss, um sich wenigstens ein bisschen Gehör zu verschaffen?“ (7)

(1) 10 Jahre PISA – Experte Hopmann: „Das sollen Horrormeldungen sein“. APA-Meldung vom 29. November 2011, zit. n. info-unterricht.

(2) a.a.O.

(3) a.a.O.

(4) Studienautor bezweifelt Sinn der Teilnahme an PISA-Studie. In: Standard Online vom 29. November 2011.

(5) Siehe dazu „10 Jahre PISA: Studienautor stellt Sinn der Teilnahme infrage“. In: Presse Online vom 29. November 2011.

(6) Siehe „Steigt Österreich aus PISA aus?“. In: Österreich vom 30. November 2011.

(7) Konrad Paul Liessmann, Was der Glaube an Statistiken bewirkt – Eine Nachlese zu Pisa. In: FAZ vom 22. Dezember 2010.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: PISA-Halloween

  1. PISA ist von Anfang an für jeden beliebigen Beweisbedarf missbraucht worden. Mit meinen einfachen Worten: „Mit PISA kann man alles beweisen, wenn man nur die richtigen Zahlen zusammenklaubt (oder weglässt)“ habe ich im kleinen Kreis schon vor Jahren ständig versucht, dieses von allen wie eine Schlange fixierte Phantom ins rechte Licht zu rücken. Foren wie dieses hat es damals noch nicht gegeben.
    Wie inbrünstig haben Gesamtschulbefürworter (horribile dictu – pardon) PISA-Zahlen als Unterstützung bemüht, und mit welch gleichem Sendungsbewusstsein schickten deren Gegner ihnen willfährige Balken, Torten und Piktogramme ins Schlachtfeld.
    Neulich also ist es in beiden Lagern modern, PISA herunterzuspielen, nach dem Motto „Was kümmert mich mein Gebrabbel von gestern“, indem man freudig auf den Hopmann-Karren springt, sogar BIFIE-Direktor Lucyshyn.
    Besonders ärgert mich, dass jetzt all die Oberg´scheiten so tun, als hätten sie das alles längst gewusst.
    Wolfgang Halenka

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