Von Rohrstaberln und Kurzparkscheinen

Ein (nicht ganz) fiktiver Dialog um 8:10: „’Tschuldigung, Frau Professor! Ich hab’s nicht pünktlich in die Schule geschafft. Beim Einparken ums Eck in der Kurzparkzone bin ich draufgekommen, dass mir die Parkscheine ausgegangen sind.“ Auf die Nachfrage, ob der Weg in die Trafik nicht aufschiebbar gewesen wäre, folgt die entwaffnend offene Antwort: „Glauben Sie, ich will Strafe zahlen?“

Ein weiterer (diesmal vollkommen) fiktiver Dialog einer Kurzparkwächterin mit einem Falschparker: „Ich darf Sie freundlich darauf hinweisen, dass Sie die in dieser Zone erlaubte maximale Parkzeit um zwei Stunden überschritten haben. Ich appelliere an Ihre Solidarität mit anderen Autofahrern, die auch gerne einen Parkplatz fänden. Hoffentlich haben Sie Verständnis dafür, dass ich mir jetzt Ihre Daten notieren muss. Sollten Sie weitere zehnmal die Parkzeit überschreiten, wären wir bedauerlicherweise gezwungen, Sie zu einer Konferenz der Wiener ParkwächterInnen vorzuladen, wo wir Ihnen einen strengen Verweis erteilen müssten!“

Vor einer Woche schrieb Gerhard Riegler an dieser Stelle vom Killervokabel „Rohrstaberlpädagogik“, das immer dann geschwungen wird, wenn LehrerInnen nach wirksamen Mitteln verlangen, die das Einhalten von Regeln dort erzwingen, wo gute Worte ins Leere gehen. Damit bewies Gerhard Riegler prophetische Qualitäten.

Die am Wochenbeginn von meinem Kollegen Paul Kimberger diesbezüglich erhobene Forderung wurde vom SP-Bildungssprecher umgehend mit dem „Rohrstaberlreflex“ quittiert. Noch weiter verstieg sich Christian Oxonitsch, Bundesvorsitzender der Österreichischen Kinderfreunde: „Diese Forderungen sind eine Ungeheuerlichkeit und erinnern mich an Zeiten zurück, in denen Prügelstrafe sowie die Ausübung von psychischer Gewalt in der Schule Realität waren.“ (1) Und der Vergleich von berechtigten Forderungen meines Gewerkschaftskollgen mit Methoden der NS-Zeit durch den Ober-„Volks“begehrer richtet sich wohl von selbst. (2)

Geradezu Labsal ist angesichts solcher Attacken ein Kommentar von Dr. Martina Salomon, der stv. Kurier-Chefredakteurin: „Die Idee von ‚Time-out-Klassen’, in denen Schüler vorübergehend von Spezialisten betreut werden, ist daher ebenso vernünftig wie die Möglichkeit, jugendliche Vandalen zum Gemeinschaftsdienst heranzuziehen. Derzeit wählen wir hingegen die schlechteste Lösung: wegschauen.“ (3)

Für mich steht fest: Solange 17-Jährige mehr Respekt vor Kurzparkvorschriften haben als vor schulischen Regeln, gibt es dringenden Handlungsbedarf, auch wenn das manchen „ExpertInnen“ nicht passen sollte!

(1) Kinderfreunde zu Kimberger: Kinderrechte statt härterer Strafen! OTS-Aussendung der Österreichischen Kinderfreunde vom 22. November 2011.

(2) ÖVP-Lehrer-Vorschlag „erinnert an NS-Zeit“. Schlagzeile im Kurier vom 24. November 2011.

(3) Martina Salomon, Wer erzieht? In: Kurier Online vom 21. November 2011.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Von Rohrstaberln und Kurzparkscheinen

  1. Wolfgang Halenka

    In der OTS-Aussendung (1) finde ich zwar viele Phrasen, nicht aber unappetitliche Vergleiche oder Forderungen. Natürlich lässt Oxonitschs plakative „Erinnerung“ jedwede diffamierende Interpretation zu. Beim Nachlesen in (3) findet man einige belanglose Sätze und (2) kann ich nicht nachvollziehen, weil ich den Kurier nicht lese; gemeint ist mit dem Obervolksbegehrer Androsch – oder?
    Leider, und das habe ich auch Genossen Oxonitsch deutlich vermittelt, verbeißen sich wieder alle Seiten in Ideologien. Geholfen ist dadurch niemandem: Weder den „verhaltensoriginellen“ Kindern noch ihren erziehungsverpflichteten LehrerInnen. Vorschlag: „Rechte sind immer mit Pflichten verbunden“ zum Thema erheben! Und Schluss mit Phrasendrescherei in diesem Käfig der Eitelkeiten!

  2. Peter Trenker

    Die ParkwächterInnenKonferenz wird für ewige Zeiten in meinen Wortschatz eingehen. Einfach genial.

  3. Hans Adam

    Es ist unglaublich von Phrasendrescherei zu sprechen,wenn die Schulrealität deutlichst dargestellt wird.

  4. Bernhard Kopp

    Leider muss ich dir mitteilen, dass nicht nur die wiener, sondern meines Wissens nahezu alle österreichischen ParkwächterInnen voll auf antiquierte „Rohrstaberlpädagogik“ setzen und allzu selten auf die oft schwierigen persönlichen Lebensumstände vieler Falschparker Rücksicht nehmen. Meine Hoffnungen ruhen nun auf dem Volksbegehren einiger renommierter Park-Experten mit dem Namen „Österreich darf nicht abgeschleppt werden!“. Ziel dieser Initiative ist es, den Falschparker umfassend zu beraten (!) und gegebenenfalls alternative Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wie z.B. die sukzessive Reduktion der Falschparkzeit über den Zeitraum von ca. 12 Jahren (wenn dies nicht allzu viele Umstände macht), wobei auch einem jeden Falschparker ein persönlicher Park-Trainer zur Seite gestellt werden soll. Generell soll das Ziel einer neuen Parkraumpädagogik nicht das Aufzeigen von Fehlleistungen, sondern die gezielte Förderung der individuell unterschiedlichen Parkkompetenzen der österreichischen Autofahrer sein.

    Danke für deinen Beitrag, meiner Meinung nach einer der treffendsten deines Blogs!

    • Peter Trenker

      Gelungene Ergänzung… danke.
      Bald haben wir eine komplette Geschichte, welche die Absurdität der Situation umfassend darstellt.
      Ich fürchte allerdings, dass unsere gottoberste SchmidIn keine Parkscheine ausfüllt und daher die Geschichte ernst nehmen wird.

  5. Gernot Prünster

    Interessanterweise wenden viele der „Rohrstaberl“-Kritiker genau dieses selbst gerne an – wenn sie nämlich an der Uni Pädagogik-Seminare geben. Fernbleiben -> Seminar wiederholen. Da ist dann leider nichts mit Darüberreden, Reflektieren und Wollbällchenzuwerfen.

  6. Mag. Folkher Gmach

    Angesichts der unfassbaren Abgehobenheit der sich zu pseudo-pädagogischen Wortspenden genötigt sehenden Bildungs-Schickeria kann ich nur immer wieder betonen:
    Strafen nützen nichts und schaden sogar in den meisten Fällen???
    Das soll einer einmal z.B. der Verkehrpolizei, der Kriminalpolizei, der Baupolizei, den Verkehrsbetrieben oder dem Finanzamt erklären! Er wird dort bestenfalls amüsiertes Kopfschütteln ernten!!! Es gibt weltweit keinen einzigen modernen Rechtsstaat, der darauf verzichtet, die Einhaltung der gesellschaftlichen Spielregeln seitens der Staatsbürger durch Sanktionen abzusichern!
    Aber in der Schule, wo die Schüler/innen auf ein Leben in einer solchen Gesellschaft vorbereitet werden sollen, da sollen Sanktionen tabu sein? Ich versteh´s einfach nicht!!
    Als ich Schüler war, gab es „Strafe schreiben“ und/oder „Nachsitzen“ als klare und einfache Konsequenzen, wenn gewisse Grenzen überschritten wurden.
    Diese oder ähnliche Konsequenzen abzuschaffen und den Lehrern letztlich als einzige Maßnahme „Appelle an die Vernunft“ (von zumeist Unvernünftigen bzw. Vernunft-Unwilligen) zur Verfügung zu stellen, war keine gute Idee. Hier wurde leider „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, und es wäre schön langsam an der Zeit, diesen Irrtum zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern!
    Stattdessen wird von den tonangebenden „Experten“ jedes Fehlverhalten aufs Unerträglichste „psychologisiert“, indem man meint, jeden Schüler, der gegen die Hausordnung verstößt oder den Unterricht stört, als psychologischen Betreuungsfall sehen zu müssen.
    In seltenen Einzelfällen mag ja psychologische Betreuung angezeigt sein.
    Aber in den meisten Fällen benehmen sich Schüler/innen ganz einfach aus dem gleichen Grund „daneben“, aus dem sich auch Erwachsene „daneben“ benehmen würden, und zwar noch öfter, als es ohnehin schon der Fall ist, indem sie z.B. gern einmal auf einen Kurzparkschein oder auf einen Fahrschein „vergessen“ würden, wenn sie nicht mit Sanktionen zu rechnen hätten!
    Wieso erscheint so vielen dieser einfache Zusammenhang so unbegreiflich?
    Ist es mittlerweile wirklich schon so weit, dass der gesunde Hausverstand nur mehr in der Billa-Werbung zu Wort kommen darf?

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