Gerhard Riegler: Muss Strafe sein?

Wie oft haben „Expertinnen und Experten“ uns LehrerInnen schon belehrt, dass wir nur den richtigen Ton treffen müssen, um widerspenstige Teenager zu vorbildlichem Benehmen und engagierter Mitarbeit zu bewegen?

Wie oft haben wir LehrerInnen uns den Mund fusselig und die Kehle heiser geredet und schließlich doch nur gelangweilte bis aggressive Reaktionen unserer SchülerInnen geerntet?

Mag. Barbara Prammer, © Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles/Robert Zolles

Nationalratspräsidentin Prammer scheint, wie bei Live-Übertragungen aus dem Parlament immer wieder zu sehen ist, bei Plenarsitzungen von ähnlichen Sorgen geplagt zu werden. Doch ihre Geduld ist nun am Ende.

Die Frau Präsidentin ist davon überzeugt, dass Ermahnungen und Ordnungsrufe nicht mehr ausreichen, um bei Nationalratssitzungen die Ordnung aufrechterhalten zu können. Einigermaßen überraschend fordert die sozialdemokratische NR-Präsidentin daher neuerdings die Einführung hoher Geldstrafen für Disziplinlosigkeiten von Abgeordneten. (1)

So weit, so gut, wäre da nicht folgende kleine Unstimmigkeit: Der österreichische Nationalrat weigert sich beharrlich, LehrerInnen Mittel in die Hand zu geben, die LehrerInnen und SchülerInnen vor Disziplinlosigkeiten einzelner schützen können. Das Parlament weigert sich, LehrerInnen mit wirksamen Kompetenzen auszustatten, um nicht zuletzt SchülerInnen vor der psychischen und physischen Gewalt ihrer MitschülerInnen bewahren zu können.

Jeder Vorstoß in diese Richtung, wie jüngst vom Gewerkschaftsvorsitzenden der PflichtschullehrerInnen Paul Kimberger, wird von der linken Bildungsschickeria seit Jahren mit dem Killervokabel „Rohrstaberlpädagogik“ attackiert und empört zurückgewiesen.

Mein Fazit: Österreichs Politik hält pubertierende Jugendliche für weit disziplinierter und deutlich leichter lenkbar als Nationalratsabgeordnete. Kein Wunder, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Politik einen Tiefststand erreicht hat. Wie lange müssen wir LehrerInnen noch hinnehmen, dass manche PolitikerInnen ihre ewiggestrigen Dogmen über die Zukunftschancen der Jugend stellen?

(1) 1.000 Euro bei einer „Beleidigung“, 2.000 Euro für Wiederholungstäter. Siehe Gerfried Sperl, Die Kultur der Gemeinheit im Nationalrat. In: Standard Online vom 23. Oktober 2011.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

8 Antworten zu “Gerhard Riegler: Muss Strafe sein?

  1. Alfred Scheiber

    Unabhängig davon, dass ich eigentlich schon denke, dass wir noch immer Erziehungsmittel haben (und die bei uns auch angewendet wurden), möchte ich doch zu bedenken geben, dass es hier um Kinder/Jugendliche einerseits und Erwachsene andererseits geht. Dieser Unterschied zieht sich doch wohl sehr klar staatliches Grundverstehen (Strafgesetz etc.), oder?
    lg, Alfred Scheiber

  2. Erich Böck

    Nau do würden die Eltern ober schen schaun:
    Monatliche Abrechnung
    Mario Mustermann
    RG Schöngasse 4C
    Frech gegen den Biologielehrer: € 50,–
    Raufhandel während der Pause: € 10,–
    Blaues Auge des Mitschülers Alfred Schön: € 300,–
    Vergessen des Spindschlüssels und Deponierung im Sekretariat: € 10,–
    usw. usw.
    Mir würden da noch viele Sachen einfallen!
    Vielleicht würds ja helfen – zumindest dem Gerichtsvollzieher!

  3. Erich Wallner

    G. Riegler spricht von „Teenagern“ und „pubertierenden Jugendlichen“, also offensichtlich nicht von Volksschulkindern.
    Wer mit 16 wahlberechtigt ist, darf sich nicht beklagen, wenn man ihn auch sonst mit den Maßstäben Erwachsener misst.

    Erich Wallner

  4. Michael Scheiber

    Wir brauchen nicht zusätzliche Erziehungsmittel, sondern die Vernetzung mit außerschulischen Einrichtungen, die kompetent und rasch im Unterricht eingebunden werden können. Oft reicht es schon, wenn der auffällige Schüler zu einer Ansprechperson geschickt werden kann, den Unterrichtsraum verlässt, und betreut wird. Soziales Verhalten muss gelernt und geübt werden, dazu sollte die Schule ein Angebot machen können und auch die Freiheit haben, es umzusetzen. Oft blockieren die unerzogenen Eltern der unerzogenen Schüler die Arbeit.

    • Alfred Scheiber

      Ja, das gefällt mir gut, in diese Richtung würde ich gerne mitgehen. Ich hab ja auch nichts gegen „Erziehung“, ganz im Gegenteil; mich stört es halt nur, wenn man polemisch (angedachte) Geldstrafen von gut verdienenden Abgeordneten mit von manchen als fehlend empfundenen Strafen für Jugendliche gegenrechnet. A propos: welche eigentlich?

      • Mag. Folkher Gmach

        Ich kann die von Ihnen angesprochene Polemik nicht erkennen – es geht darum, für unangemessenes Verhalten unangenehme Konsequenzen einzuführen, um so das unangemessene Verhalten zu reduzieren bzw. abzustellen!!!
        Ein ganz einfaches Prinzip, das in jedem modernen Rechtsstaat ganz selbstverständlich Anwendung findet, um die Einhaltung der gesellschaftlichen Spielregeln seitens der Staatsbürger abzusichern! Warum soll dieses Prinzip in einer auf Schüler/innen abgestimmten Form an österreichischen Schulen nicht auch Anwendung finden???!
        Als ich Schüler war, gab es „Strafe schreiben“ und/oder „Nachsitzen“ als klare und einfache Konsequenzen, wenn gewisse Grenzen überschritten wurden.
        Diese Konsequenzen abzuschaffen und den Lehrern als einzige Maßnahme „Apelle an die Vernunft“ (von zumeist Unvernünftigen bzw. Vernunft-Unwilligen) zur Verfügung zu stellen, war keine gute Idee. Hier wurde leider „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, und es wäre schön langsam an der Zeit, diesen Irrtum zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern!
        Es wächst sonst eine Generation heran, die als einziges Verhaltensregulativ nichts anderes anerkennt als ihre momentanen Befindlichkeiten, und die gleichzeitig das Recht beansprucht, diesen Befindlichkeiten jederzeit spontan nachgehen zu können.
        Dass eine solche Haltung stark asoziale Tendenzen aufweist, sollte eigentlich jedem klar sein …

    • Mag. Folkher Gmach

      Wieso meinen Sie, jeden Schüler, der gegen die Hausordnung verstößt oder den Unterricht stört, als psychologischen Betreuungsfall sehen zu müssen?
      In seltenen Einzelfällen mag ja psychologische Betreuung angezeigt sein.
      Aber in den meisten Fällen benehmen sich Schüler aus dem gleichen Grund daneben, aus dem sich Erwachsene daneben benehmen würden, indem sie z.B. gerne einmal auf einen Kurzparkschein oder auf einen Fahrschein „vergessen“ würden, wenn sie nicht mit Sanktionen zu rechnen hätten!
      Wieso erscheint Ihnen dieser einfache Zusammenhang so unbegreiflich?

  5. Mag. Folkher Gmach

    Strafen nützen nichts?
    Das soll einer einmal z.B. der Verkehrpolizei, der Kriminalpolizei, der Baupolizei, den Verkehrsbetrieben oder dem Finanzamt erklären! Er wird dort bestenfalls amüsiertes Kopfschütteln ernten!
    Aber in der Schule, wo die Schüler/innen auf ein Leben in einer Gesellschaft vorbereitet werden sollen, in der die Einhaltung der gesellschaftlichen Spielregeln in so gut wie jedem Bereich durch Sanktionen abgesichert sind, da sollen Sanktionen tabu sein?
    Heißt es nicht: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr? Oder habe ich da was falsch verstanden?

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