Gerhard Riegler: Hampelmänner und Hampelfrauen

Österreich brauche eine „Finnlandisierung“, so die Parole des Dr. Hannes Androsch, die das Finale seines mit großem Aufwand betriebenen Werbefeldzuges prägte.

Fordert der vormalige Kreisky-Kronprinz und nunmehrige Salzbaron damit vom ORF, analog zum finnischen Fernsehen amerikanische Filme und Fernsehserien nur mehr in Originalsprache mit deutschen Untertiteln zu senden, um so die Lesekompetenz von Fernsehkonsumenten zu erhöhen?

Nein, Österreichs Bildungs„volks“begehrer meint damit natürlich nur seinen Gesamtschul-Fetisch, mit dem er Österreich beglücken will. Österreichs Bevölkerung soll also „begehren“,

  • dass unsere SchülerInnen die Schule ebenso ablehnen, wie dies Finnlands SchülerInnen tun,
  • dass auch in Österreich mehr SchülerInnen bloß einen Pflichtschulabschluss schaffen oder nicht einmal den und
  • dass sich in Österreich die Anzahl arbeitsloser Jugendlicher verdreifacht?

Bei der Fragestellung, ob sich SchülerInnen in der Schule sehr wohl fühlen, belegt Österreich laut WHO (1) bei den 11-Jährigen den fünften Rang, Finnland den 38. und damit viertletzten unter allen bewerteten Staaten.

Um Finnlands Dropoutquote zu erreichen, müsste Österreichs Schulwesen 14 Prozent mehr SchülerInnen ohne Abschluss einer weiterführenden Schule aus dem System fallen lassen.

Wer eine „Finnlandisierung“ der Jugendarbeitslosigkeit fordert, muss die Österreichs verdreifachen: Österreich hat 7,1 % arbeitslose Jugendliche, Finnland erschreckende 20,4 %.

Ich bin bei Jochen Krautz, dessen Buch „Ware Bildung“ ich Sehschwachen dringend als Medizin empfehle: Hinter den Schlagwörtern und der Propaganda der grassierenden Bildungsreformitis steckt eine weltweit agierende Finanzlobby, die Bildung als Milliardenmarkt für ihre Zwecke entdeckt hat. In Zeiten, in denen immer mehr Wertpapiere zu wertlosem Papier verkommen, könnte es für so manchen höchst lukrativ sein, das öffentliche Bildungswesen in den Abgrund zu manövrieren, um als Betreiber sündteurer Privatinstitute große Profite zu machen. Und endlich könnte „die Wirtschaft“ vorschreiben, welche Lehrinhalte wertvoll sind und welche auf die Halde überkommener Bildungsideale gehören. Und einen gewinnmaximierenden Arbeitgeber stört es auch nicht, wenn viele junge Menschen um ihren Arbeitsplatz zittern und sich billig verkaufen müssen.

Eine Bildungsministerin, die aus dem Vorstand einer in den Ruin geführten Bank ans Steuerruder unseres Schulwesens gehievt wird, und ein beinharter Großkapitalist als Bildungs„volks“begehrer passen ebenso ins erschreckende Bild wie eine OECD, die ohne jede Legitimation über ihre PISA-Studie bereits heute vorgibt, was unter Bildung zu verstehen ist. BildungsministerInnen werden so zu Hampelmännern und Hampelfrauen degradiert.

(1) HBSC-Studie 2008

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Hampelmänner und Hampelfrauen

  1. Ad: „könnte es für so manchen höchst lukrativ sein, das öffentliche Bildungswesen in den Abgrund zu manövrieren, um als Betreiber sündteurer Privatinstitute große Profite zu machen“:
    E. Quin in einer ungewohnten Rolle: Als sozialistischer Privatisierungs-Kritiker und Verschwörungstheoretiker!
    Wo bleibt der Link zu Attac?

    Erich Wallner

    1. Diese Befürchtung ist keineswegs absurd. Glücklicherweise habe ich eines meiner letzten Seminare bei Univ.Prof. Ludwig Pongratz besuchen dürfen- Zitat aus meiner damaligen SE Arbeit:

      […]
      PISA darf hier nur als Verbote einer permanenten und allumfassenden Testung gelten. Diese Testungen sind zum einen notwendig um Bildungsinstitutionen vergleichbar zu machen. Wenn in einigen Jahren private Bildungseinrichtungen auf den Markt strömen, wird man sie an den in öffentlichen Institutionen geeichten Maßstäben messen. Der Staat wird sich dabei auf die Rolle des Grundversorgers und obersten Zertifizierers beschränken. Man könnte nunmehr meinen, dies sei Ausdruck eines tatsächlichen Rückzugs des Staates- der Bürger nimmt dies schließlich so wahr. Doch der Staat feiert in einer mächtigen Rolle sein Comeback, nämlich als zentrale Kontroll- und Zertifizierungseinheit aller Bildungsangebote. Ohne staatliche Zertifikate, die ein Minimum an Qualität sichern, wird keine private Institution am Bildungsmarkt bestehen können. Der Staat verringert seine Sichtbarkeit, man könnte sagen der Bürger bekommt ihn weniger zu spüren, und zieht sich mit dem Kontrollieren und Zertifizieren auf jenes Geschäft zurück, das mit Sicherheit profitabel ist. Die verschärften gesellschaftlichen Gegensätze und Ansprüche an die Bildungsinstitutionen werden zudem wieder staatliche Eingriffe notwendig machen, wenn auch in der Rolle eines Moderators und Providers von Rahmenbedingungen.
      […]

      Ist das angesichts des allgegenwärtigen Sparwahns tatsächlich so unplausibel? Aber gut, wer hätte sich vor 20 Jahren den Verkauf essentieller, kommunaler Infrastruktur an US-Hedgefonds vorstellen können…

  2. „Polemisiere, wem Polemik gegeben ist“, scheint mir eine gute Überschrift für die derzeit recht niveaulos Wellen schlagende Bildungsreformdiskussion abzugeben.
    Nicht eine „Finnlandisierung“ trübt den Blick vieler Mitredenden; es ist vielmehr die Schlange „PISA“, auf die in unseren Breiten alle wie die Karnickeln starren. Auch Olympiasieger sind nicht immer ganz gesunde Menschen!
    Was also läuft – und noch schlimmer – lief falsch? Ein Vergleich hilft vielleicht: Ein gut gehender Betrieb kauft auch nicht Maschinen und überlegt dann, was man mit ihnen produzieren könne! Eine erfolgreiche Bildungsreform beginnt also mit einer Reform der Lehrerausbildung; und VOR dieser hätte man wissen sollen, wohin der Zug überhaupt fährt! Und bei uns weiß man GLEICHZEITIG noch nicht so genau, wer wie die LehrerInnen ausbildet, was aus der Unterstufe wirklich werden soll, wie die Oberstufe der Zukunft den gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen sei, und vergessen wir nicht auf die Maturareform, deren Mütter und Väter uns beinah im Monatsabstand neue Versionen bescheren.

  3. 2. Teil zu: „könnte es für so manchen höchst lukrativ sein, das öffentliche Bildungswesen in den Abgrund zu manövrieren, um als Betreiber sündteurer Privatinstitute große Profite zu machen“:

    Eine (Privat-)Schule, in der Geld keine Rolle spielt, könnte all jene Goodies verwirklichen, die die Gewerkschaft seit langem fordert, und noch einige(s) dazu, also etwa:
    * Klassenschülerhöchstzahl 15 – 20
    * ausreichende Räumlichkeiten: keine Wanderklassen mehr, ein ordentlicher Turnsaal, evtl. ein Schwimmbad, damit nicht die halbe Zeit für LÜ aufs Autobusfahren draufgeht, eine Krankenstation, wo sich ein Schüler, dem schlecht wird, auf ein richtiges Bett legen kann und wo er von einer ausgebildeten Person betreut wird, weiters ein eigener Schreibtisch (oder gar ein eigenes Arbeitszimmer!?) mit Computer für jeden Lehrer, ein Buffet mit ausreichender Kapazität (nicht ein paar hundert Schüler in 15 Minuten großer Pause von ein oder zwei Personen abgefertigt), dazu ein paar warme Mittags-Menüs zur Auswahl, nebst adäquaten Freizeit-Räumen für den Nachmittag
    * unterstützendes Personal: Sozialarbeiter, Krankenschwester, Freizeit-PädagogInnen …
    * Stationäre AV-Einrichtungen in jedem Klassenzimmer, Lehrer- und Schüler-Bibliotheken und Videotheken, welche permanent geöffnet sind und auch ausreichend Platz zum (ungestörten!) Arbeiten (mit Computer) bieten
    *Kein kleinliches Sparen beim Fotokopieren, bei der Heizung oder gar beim Klopapier …

    (Diese Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.)

    Für ideologisch vorgeprägte KollegInnen sind solche Zustände natürlich eine Horrorvorstellung.
    Denn „soziale Gerechtigkeit“ heißt ja: „Wenn schon miese Bedingungen, dann gefälligst für alle!“

    Erich Wallner

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