„Wo woar mei Leistung?“

Der Zusammenhang zwischen Waffenhändlern, Maturareiseveranstaltern und „Acad Write“ hat sich mir erst durch die Lektüre aktueller Zeitungsartikel erschlossen: die Absenz jeglicher moralischer Skrupel.

Mit Blick auf die uns LehrerInnen anvertraute Jugend machen mir dabei die ersten beiden relativ wenig Sorgen. Der illegale Erwerb von Waffen ist unter angehenden MaturantInnen wohl eher ein Randphänomen, und Maturareisen müssen ja nicht gerade dort gebucht werden, wo Feiern als systematische Annäherung an die Alkoholvergiftung missverstanden wird.

Ein wenig anders schaut es schon mit moralabstinenten Firmen aus, die – wie ORF online ausführlich berichtete – Hausübungen, Diplomarbeiten und sogar Dissertationen wohlfeil an schreibfaule SchülerInnen und StudentInnen verkaufen. (1) Selbstverständlich – Ordnung muss sein – verlangt etwa „Acad Write“ von seinen Kunden, die für 60 Seiten immerhin 4.000 Euro hinblättern, eine schriftliche Erklärung, „die Arbeit nicht als ihre eigene einzureichen“.

Mich würde es nicht wundern, wenn „Acad Write“ und Co – für die natürlich die Unschuldsvermutung gilt – der Einführung der verpflichtenden „Vorwissenschaftlichen Arbeit“ (VWA) geradezu entgegenfiebern, eröffnet sich doch damit ein Geschäftsfeld der Extraklasse. Plagiatssoftware kostet professionellen Ghostwritern nur ein müdes Lächeln. Und manch Schüler wird sich beim Einreichen wohl grinsend denken: „Wo woar mei Leistung?“ (© Walter Meischberger – Ehre, wem Ehre gebührt.) (2)

Die VWA soll, wie man aus (un)gewöhnlich gut informierten Kreisen des BMUKK hört, ohnehin nur 15 Seiten Umfang haben. Dann wird der Preis für eine VWA auch nicht so schlimm sein. Sie kostet wahrscheinlich rund 1.000 Euro, und das ist, wenn man mit zukunftsorientierten „ExpertInnen“ denkt, wirklich nicht viel Geld. Monat für Monat zahlt das (und noch deutlich mehr) etwa in Großbritannien längst jeder als Schulgebühr, der sein Kind vor der staatlichen Gesamtschule bewahren möchte.

(1) „Haben Waffenhändler moralische Bedenken?“. In: ORF Online vom 5. Oktober 2011.

(2) Meischberger-Protokolle: “Ober wos ist die Leistung?“. In: Presse Online vom 22. Dezember 2010.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Eine Antwort zu “„Wo woar mei Leistung?“

  1. Mag. Dr. Christian Sitte

    Nun man sieht, auch an sich gute Ideen (gemeint ist damit von mir der durchaus sinnvolle und gut gemachte Leitfaden f.d.VWA auf der BMUKK-Webseite, den man auch manchen BAC-Studenten nur empfehlen kann…)
    können in unserer Schulverwaltung oft fast zwingen ad absurdum geführt werden: 15 Seiten ist eine lächerliche Sache (auch vergl. mit dem im erwähnten Leitfaden Postulierten ) und nivellierend nach unten – OK bei Mathem. Ableitungen, Beweisen ev., aber bei hermeneutischer Vorgehensweise…oder Fallstudien..degenerieren die zum besseren zeitungsartikel…. Ich besitze aus der Glöckel-Reformzeit eine (inzwischen eingescannte 70MB, gern versendbare) MATURAARBEIT eines damaligen Schülers 1928 – mehr als 90 handgeschriebene Seiten, mit Zeichnungen (! – alles ohne copy-past original) und Literatur, die überwiegend aus den 20 Jahren davor stammt . Niveauverlust ? Wohl auch gegenüber manch heute geschriebener FBA (zugegeben manche Betreuer begnügten sich mit 1.Kap. Exzerpt d.1. Buches, 2. Kap. Excerpt d. 2. B., 3. Kap …usw. Zugegeben, da lief auch schon manches daneben, manche aber – es gab auch Wettbererbe – mit belegbaren tollen Arbeiten. Geht also das Gymnasium (akademisch) den Bach runter ? Bloß weil wir populistisch nur ja alle durch haben“ wollen ? Oder weil man (an sich akadem. gebildeten) Lehrkräften mehr und qualitativ anspruchsvolleres durchzubringen nicht zutraut ?
    Ch.Sitte

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