Zahlensalat

Wer kennt nicht PISA, „Education at a Glance“ und Co. – zumindest dem Namen nach? Diese Studien werden von der OECD, einer Wirtschaftsorganisation, erstellt – mit dem klar und auch offen benannten Ziel, „Einfluss auf das Verhalten souveräner Staaten auszuüben“. (1) Ich möchte hier gar nicht darauf eingehen, wie sehr ich das aus demokratiepolitischen Gründen ablehne (2), sondern ein paar Beispiele für die „Qualität“ der OECD-Zahlen liefern, mit denen dann auch noch schamlos versucht wird, Politik zu machen:

Sie können sich vielleicht noch an die vielen „ExpertInnen“-Beiträge zu PISA 2006 erinnern, die der Frage nachgegangen sind, warum die MigrantInnen zweiter Generation in Österreich sogar noch schlechter abschneiden als die der ersten Generation. Bei PISA 2009, nur drei Jahre später, sind die MigrantInnen zweiter Generation in Österreich in ihrer Lesekompetenz um 43 Punkte besser als die der ersten Generation. Österreich liegt damit, nur drei Jahre später, im Spitzenfeld aller OECD-Staaten. (3) Dazu sollte man vielleicht noch wissen, dass ein Unterschied von 38 Punkten dem Fortschritt von einem Lernjahr entspricht. (4) Wäre ich Politiker, würde ich diesen Qualitätssprung zwischen 2006 und 2009 auf die Schaffung des Staatssekretariats für Integration 2011 zurückführen 😉

Lt. „Education at a Glance“ haben sich die Anfangsbezüge der österreichischen LehrerInnen von 2008 auf 2009 um 8,3 % erhöht. Für die Endbezüge gilt fast dasselbe – eine angebliche Erhöhung um 8,2 bis 8,3 %. (5) Die Gehaltserhöhung betrug allerdings „nur“ 3,55 %. Die Differenz ist sicherlich nicht mit einer Kaufkraftbereinigung zu erklären.

In „Education at a Glance 2011“ wird behauptet, dass in Frankreich im Jahr 2009 101,4 % (!) der 3- und 4-Jährigen den Kindergarten besucht haben. Eine wahrlich tolle Leistung! (6)

Die Liste solcher Absurditäten ließe sich lange fortführen. Vielleicht liefert ein Satz in einer anderen OECD-Studie indirekt eine Erklärung für diesen Zahlensalat: „This chapter provides brief vignettes describing some specific education reforms in three countries – England and Poland.“ (7) Manche in der OECD dürften wohl „1, 2, viele“ zählen 😉

(1) OECD (Hrsg.), Die Globalisierung in den Griff bekommen. Die Rolle der OECD in einer sich wandelnden Welt (2004), S. 23.

(2) Vgl. dazu Jochen Krautz, Die sanfte Steuerung der Bildung. In: FAZ vom 29. September 2011.

(3) OECD, PISA 2009 Database, Table A5.2.

(4) Siehe auf der OECD-Website „Die Bedeutung der PISA-Punkte“.

(5) Vgl. die Zahlen von OECD (Hrsg.) Education at a Glance (2010), Table 3.1., S. 402, mit OECD (Hrsg.), Education at a Glance (2011), Table D3.1., S. 415.

(6) OECD (Hrsg.), Education at a Glance (2011), Table C1.1a., S. 303.

(7) OECD (Hrsg.), Strong Performers and Successful Reformers in Education. Lessons from PISA for the United States” (2011), S. 221.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Zahlensalat

  1. Wer OECD-„Ergebnisse“ für bare Münze nimmt, muss auch annehmen, dass MigrantInnen in Neuseeland und der Tschechischen Republik vor Ort intellektuell verarmen.
    In Neuseeland erreichten nämlich die MigrantInnen erster Generation bei PISA 2009 um 22 Punkte mehr als die MigrantInnen zweiter Generation.
    In der Tschechischen Republik beträgt dieser Verlust von der ersten zur zweiten Generation sogar 24 Punkte.
    Ginge es nicht um etwas so Wichtiges wie das Bildungswesen und wäre der Missbrauch von OECD-„Erkenntnissen“ nicht gesellschaftlich und bildungspolitisch brandgefährlich, könnte man mit OECD-Daten ganz einfach einen Kabarett-Abend gestalten und ihn genießen.

  2. roll ingrid

    ICh danke für diese Art der amüsanten Infomation. Schade ist nur, dass die Medien und die Politik sich so einfach manipulieren lassen.
    Viele meiner ehemaligen Schülerinnen, die eine durchaus sehenswerte Kariere in unterschiedlichsten Länderen gemacht hatten, kommen alle wieder nach Österreich zurück um ihren eigenen Kindern die „mikrige“( laut Pisa )Ausbildung zukommen zu lassen., die sie selbst soweit gebracht hat…….sehr interessant.
    Es soll aber nicht heißen, dass wir im Bildungswesen keine Änderungen oder Verbesserungen durchführen sollen.
    I.Roll

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