Gerhard Riegler: Blick über den Tellerrand

Für das internationale Bodenseetreffen, das am letzten Wochenende in Überlingen (Baden-Württemberg) stattfand, wurde Migration als eines der beiden Themen gewählt. Für Baden-Württembergs Schule ist es nämlich angesichts einer enorm hohen Quote an MigrantInnen, wie es sie in nur wenigen anderen Regionen der EU gibt, von besonderer Bedeutung. Es beeindruckt mich beim Studium innerdeutscher Leistungsvergleiche seit langem, dass es Baden-Württemberg trotz dieser besonderen Aufgabe stets gelingt, unter den drei bestplatzierten deutschen Bundesländern zu landen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich aufgrund meiner Publikationen (1) eingeladen wurde, zu diesem für die Zukunft Zentraleuropas wirtschafts- wie sozialpolitisch immens wichtigen Thema zu referieren.

KomödienmaskeAufschlussreich war für mich auch das Referat, das Univ.-Prof. Dr. Eva-Maria Lankes zu Bayerns Version der (in Österreich kurz vor der Implementierung stehenden) Bildungsstandardüberprüfungen hielt. Frau Prof. Lankes trägt in Bayern die Verantwortung für das Gelingen dieses neuen Instruments der Qualitätssicherung. Mit größter Sorgfalt wurde ein Rückmeldesystem der Ergebnisse entwickelt, das die Vergleichsarbeiten zu einem Unterstützungsinstrument für erfolgreichen Unterricht werden lassen soll: LehrerInnen sollen aus den Ergebnissen zusätzliche Informationen darüber gewinnen, wo es noch Nachholbedarf gibt und wo einzelne SchülerInnen individuelle Stärken und Schwächen aufweisen.

Um zu keinen negativen Begleiterscheinungen wie etwa Schulrankings zu führen, ist das Rückmeldesystem höchst differenziert gestaltet. Gefährliche Nebenwirkungen von „Bildungsstandards“ sind nämlich aus anderen Staaten hinlänglich bekannt. In England z. B. schießen Haus- und Grundstückspreise in der Nähe von „high-ranking schools“ in astronomische Höhen, was wiederum – und hier schließt sich der Teufelskreis – innerhalb kürzester Zeit zu einer extremen sozialen Segregation der Wohnviertel und damit auch der Schulen führt.

Ich musste in Überlingen leider gestehen, dass in Österreich viele wichtige Details des Rückmeldesystems zu den Bildungsstandards ein halbes Jahr vor ihrer Implementierung noch nicht geklärt sind, eines aber feststeht: Österreichs LehrerInnen erfahren die von ihren SchülerInnen erbrachten Leistungen nicht. Kopfschütteln und homerisches Gelächter löste dies im Saal aus. Der Blick unserer BildungspolitikerInnen sollte sich, wenn es ihnen wirklich um Qualitätsentwicklung geht, vom hohen Norden Europas lösen und auf unsere Nachbarn richten:

  • Die Schule Bayerns und Baden-Württembergs hat ähnliche Aufgaben zu bewältigen wie die Österreichs und löst sie hervorragend.
  • Bayern liegt bei internationalen Leistungsvergleichen wie PISA vor Finnland.

An Österreichs LehrerInnen liegt es wohl nicht, dass bei uns so manches weniger gut gelingt.

(1) Gerhard Riegler, Migration, eine enorme Aufgabe für Österreichs Schulwesen. Die ersten vier Teile dieser fünfteilige Serie sind bereits in der AHS-Gewerkschaftszeitung erschienen (Nr. 1-4/2011).

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

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