Zum Kübe(r)ln

Was assoziieren Sie mit „caritas“? Ich vermute, es wird nicht Bildungswissenschaft oder Pädagogik sein. Sei’s d’rum, als Bildungsexperte kann man in Österreich leicht durchgehen – und wir haben einen neuen, den Caritas-Präsidenten Franz Küberl. Vor wenigen Tagen meinte er, das derzeitige österreichische Schulsystem differenziere nach Herkunft, Bildungsstand der Eltern und Familieneinkommen und deshalb fordere die Caritas die Einführung der Gesamtschule, denn dann sei alles gut.

Die OECD hat Folgendes aufgezeigt:

  • Im OECD-Durchschnitt hängt der Bildungserfolg wesentlich mehr vom beruflichen Niveau der Eltern ab als in Österreich, und in den skandinavischen Gesamtschulstaaten Schweden und Norwegen ist diese Abhängigkeit besonders groß.
  • Das Bildungsniveau der Eltern hat in der gesamten OECD großen Einfluss auf den Bildungserfolg junger Menschen. Österreich liegt diesbezüglich im OECD-Mittel. Im gepriesenen Gesamtschul-Vorzeigeland Finnland ist diese Abhängigkeit deutlich höher.
  • Die Lesekompetenz hängt OECD-weit sehr stark vom wirtschaftlichen Wohlstand des Elternhauses ab. In Finnland ist diese Abhängigkeit noch weit größer als hierzulande. (1)

England wiederum zeigt beispielhaft die negativen Folgen öffentlicher Gesamtschulsysteme. Keine einzige öffentliche Gesamtschule schafft es unter die Top-100-Schulen des Königreichs. (2) Die Folge davon ist eine Flucht in sündteure Privatschulen, wo deutlich fünfstellige Eurobeträge pro Unterrichtsjahr zu bezahlen sind. Dieser Befund wird auch von Personen bestätigt, die man schwerlich als konservative Betonschädel bezeichnen kann.

PapierkorbDer mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnete britische Historiker Tony Judt schrieb: „The result, predicted from the outset, was that the selective private schools (‘public schools’) have flourished. Desperate parents pay substantial fees to exempt their children from dysfunctional state schools…” (3) Von der täglichen Erfahrung geläutert, lehnt mittlerweile auch die Mehrheit der linken Wählerschaft die Gesamtschule ab. (4)

Und Kurt Scholz, der ja auch nicht gerade als Parade-Konservativer gilt, schrieb in der „Presse“: „Zwar nicken die meisten Menschen zur Forderung nach einer „gerechten Schule“, aber was sie wählen, ist nicht Gleichheit, sondern Aufstiegshoffnung. […] Genau das ist aber das Dilemma der Forderung nach Gesamtschulen: Würde man sie heute flächendeckend einführen, wäre das Ergebnis im besten Fall die Flucht in Privatschulen. Im schlechtesten Fall müsste man mit einer politischen Revolution rechnen.“ (5)

Asiatische Gesamtschulstaaten schaffen es tatsächlich viel besser, soziale Ungleichheit aufzufangen. Aber um welchen Preis? Bereits im Volksschulalter bekommen in Singapur 49 % der SchülerInnen Nachhilfe in der Unterrichtssprache, wie in der internationalen PISA 2009-Datenbank nachzulesen ist. Über Japan hieß es erst kürzlich in der „Presse“: „Aber selbst an den öffentlichen Schulen, die meist keinen guten Ruf genießen, gilt: mit normalen Mitteln schaffen es nur wenige von Prüfung zu Prüfung. Die meisten Schüler – rund zwei Drittel – besuchen deshalb zusätzlich eine „Paukschule“ und gehen nach der Schule oft bis in den späten Abend in diese privaten Juku-Institute. Das ist Schulstress total bis zur physischen und psychischen Grenze.“ (6) Und gratis sind diese Nachhilfeschulen natürlich auch nicht.

Fazit: Wer gegen eine Differenzierung nach Leistung, Begabung und Interesse und für eine Gesamtschule eintritt, fordert eine Differenzierung nach dem Vermögen der Eltern. Will Herr Küberl aus den kirchlichen Privatschulen teure und florierende Wirtschaftsunternehmen machen? Weiß er das alles nicht? Was ist in der Bildungspolitik schlimmer, Lüge oder Dummheit? Wie dem auch immer sei, das Bildungskonzept der Caritas ist jedenfalls zum Kübe(r)ln.

(1) Das alles ist nachzulesen in OECD (Hrsg.), PISA 2009 Results: Overcoming Social Background. Equity in Learning OppOrtunities and Outcomes (Volume II).

(2) „Of the 100 schools with the best record of securing Oxbridge places, 87 are independent and 13 selective state grammar schools.“ Zit. n. Richard Garner, League table reveals top Oxbridge schools. In: The Independent Online vom 8. Juli 2011.

(3) Tony Judt, Meritocrats. In: The New York Review of Books vom 19. August 2010.

(4) „Among Labour voters this year, 54 per cent of parents said they would consider educating a child privately – up from just 41 per cent in 2004.” Zit. n. Sarah Cassidy, Education under fire: fears over teaching standards push parents to private sector. In: The Independent Online am 5. Juni 2008.

(5) Kurt Scholz, Höher zielen! Was Schule, Dichten und Pistolenschießen gemeinsam haben. In Presse Online vom 16. August 2011.

(6) Von Zwergschulen und Riesenambitionen. In: Presse Online vom 3. September 2011.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Zum Kübe(r)ln

  1. Mag. Maria Gaulhofer

    Dem stimme ich voll zu! Bin eigentlich engagierte Katholikin, aber derlei Wortspenden seitens kirchlicher Institutionen sind entbehrlich.
    Zu den selbsternannten Bildungsexperten: Dem zufolge ist z.B. jede durchschnittliche Hausfrau und Mutter auch Ernährungsexpertin usw.

  2. Gut pariert! Dank und Anerkennung für Eckehard Quin!

  3. Pingback: Mag. Peter Nussbaumer » Blog Archive » Peter Nussbaumer’s Webauftritt (ab 2010)

  4. dr. joachim mayer

    sg. herr quin,

    ich stimme wirklich mit ihnen überein, obwohl ich sonst die caritas sehr schätze;

    aber hier ist anscheinend der präsident einem idealbild aufgessen …

  5. Mag. Romana Stieglecker

    Leider redet Herr Küberl wie auch in manchen anderen Belangen von Dingen die er nicht versteht, wo er nicht den geringsten Einblick hat. Leider schadet er damit nicht nur der Schule und dem Bildungswesen, sondern auch der Institution Caritas.

  6. Personen und Studien kann man natürlich zu eigenen Zwecken missbrauchen, wenn´s für diese Zwecke passt. Wer Tony Judt genau liest – Herr Quinn kann dies unmöglich getan haben – wird zur Erkenntnis kommen: Sein Hauptinteresse gilt der Beseitigung der englischen Klassengesellschaft, in der er das Übel unter anderem auch für die schlechte Qualität der öffentlichen englischen Schule sieht. Übrigens haben schon in den 70er Jahren etwa 7% der Engländer ihre Kinder in die exklusiven Privatschulen geschickt; der Prozentsatz ist über die Jahrzehnte hinweg in etwa gleich geblieben. Die öffentliche Schule wurde ebenfalls über Jahrzehnte hinweg ausgehungert. Die öffentliche englische Schule ist in der Tat kein Modell, das wir für Österreich wollen, auch wenn sie eine gemeinsame Schule ist. Es gibt natürlich exzellente Modelle der gemeinsamen Schule, wie Kanada oder Finnland oder übrigens Südtirol, Doch die werden von denen, die die Trennung mit 10 und somit die Perpetuierung der sozialen Benachteiligung aufrecht erhalten wollen, nicht herangezogen. Da nehmen wir lieber das englische Modell.

    Und schließlich Kurt Scholz: Wer seinen Kommentar ganz gelesen hat – er ist noch nachzulesen – wird sofort erkennen, dass es ihm nur darum geht zu erklären, dass alle das Beste für ihre Kinder wollen und dass diese sozial aufsteigen können. Zu diesem Zweck schicken sie sie, wann immer möglich, ins Gymnasium, auch in Privatschulen, wenn es sein soll. In die Hauptschule aber, sei sie auch noch so aufgewertet, wollen diese „Aufsteiger“ (nichts Negatives!) ihre Kinder jedenfalls nicht schicken. Genau lesen, bitte!! Lernt man übrigens neuerdings für die PISA-Kompetenzen
    Kommentar Quin: Ich habe offenbar einen wunden Punkt getroffen bei soviel Aufregung.

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