Gerhard Riegler: Allen Menschen recht getan…

Wer die mediale Berichterstattung der letzten Wochen verfolgte, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, im positiven wie im negativen Sinn.

Positiv überraschte mich, wie oft das vormalige Tabu-Wort „Leistung“ im Zusammenhang mit Schule verwendet wurde. Haben uns die Berichte über die griechische Finanztragödie drastisch genug vor Augen geführt, dass wir uns unseren Lebensstil ohne Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit bald nicht mehr leisten können?

Negativ berührte mich, dass die Aussicht auf kurzfristige Medienpräsenz nicht wenige PolitikerInnen und selbsternannte „ExpertInnen“ zu Wortmeldungen animierte, in denen sie versuchten, den nachgewiesenen Mangel an Sachverstand mit Überdosen von Populismus zu übertünchen.

Geärgert habe ich mich über Zeitungskommentare, in denen die Projekttage der letzten Schulwoche kritisiert wurden. JournalistInnen, die bei jeder Gelegenheit den angeblich „steinzeitlichen“ Unterricht im Klassenzimmer anprangern, wünschen sich anscheinend eben diesen in der letzten Schulwoche zurück. Offenbar verschwenden sie in der klimatisierten Redaktion keinen Gedanken daran, wie viel Arbeit LehrerInnen in Planung, Organisation und Durchführung von Projekten investieren, um partiell zu leisten, was eigentlich Angelegenheit der Eltern wäre. Wir LehrerInnen wissen, dass unsere SchülerInnen gerade an diesen Tagen Erfahrungen machen können, die einigen von ihnen in ihrem familiären Umfeld nicht vergönnt sind.

Freude empfinde ich, wenn ich in persönlichen Gesprächen mit KollegInnen neben allem Ärger über amtsbekannte „ExpertInnen“ einen ungebrochenen pädagogischen Enthusiasmus spüre, junge Menschen auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden und in die Berufswelt bestmöglich zu fördern, damit sie ihn nach Verlassen ihrer Schule erfolgreich weitergehen können.

Nachdenklich werde ich angesichts der „Leistung“, die Österreichs Politik zuletzt wieder in Reinkultur geboten hat und die mitbestimmt, welche Welt unsere AbsolventInnen erwartet. „In dem Maße, wie die Politik ihr gesamtes Handeln von der Konkordanz mit Stimmungslagen abhängig macht, denen sie von Wahltermin zu Wahltermin hinterherhechelt, verliert das demokratische Verfahren seinen Sinn.“ (1)

Gerade weil einem manchmal die Luft wegzubleiben droht, ist es mir ein zutiefst empfundenes Anliegen, Ihnen für Ihren langen Atem für Ihre SchülerInnen und unsere Gesellschaft von Herzen zu danken!

(1) Jürgen Habermas, Demoskopiegeleiteter Opportunismus. In: Süddeutsche Zeitung ONLINE vom 7.April 2011.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

3 Antworten zu “Gerhard Riegler: Allen Menschen recht getan…

  1. Lieber Kollege Riegler! Vielen Dank für diesen klugen Artikel! Das Gemeinschaftserlebnis Schule und Klassengemeinschaft, wenn die Noten für die im Schuljahr erbrachte „Leistung“ schon festgeschrieben sind, ist für SchülerInnen wie LehrerInnen ein psychologisch sehr wertvoller Übergang in die Ferien, der erste „Lohn“ für ein für viele sehr hartes Schuljahr. Dienst ist Dienst, Verantwortung bleibt auch und gerade an den „Projekttagen“ für die PädagogInnen voll wirksam, wo doch oft der Schutz des Klassenzimmers nicht gegeben ist! Freiluftaktivitäten erfordern viel Einsatz. Journalisten müssten das eigentlich wissen! Genügt der gesunde Menschenverstand nicht mehr, damit man die „Leistungen“ einer Berufsgruppe, die unpopuläre Beurteilungen (=Noten) erteilt, akzeptiert? SchülerIn ist vor allem Mensch, StaatsbürgerIn, zukünftige/r StimmbürgerIn auf dem Weg zu ganz persönlicher „Leistung“ im Beruf. LehrerIn begleitet ihn/sie dort hin. Das soll falsch sein? Nein, das muss gewürdigt werden.
    Ihnen, lieber Kollege Riegler, wünsche ich erholsame Ferien!
    Herzliche Grüße!
    G. Krenslehner

  2. s.o.

    ich nehme an, dass den Frauherrn Redakteureninnenen es einfach nicht vergönnt war an Schulabschlußveranstaltungen teilzunehmen. Gründe dafür könnten vorzeitiger Schulabbruch oder auch disziplinäre Mängel gewesen sein.- Aber das ist nur eine vage Vermutung.
    Schönen Sommer wünscht euch Wombat

  3. Die Schreibtischpädagoginnen und Schreibtischpädagogen sollen sich selber in die Klassen stellen!

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