Starker Tobak

In unserer schnelllebigen Zeit sollte man sich eigentlich über gewisse Konstanten im Jahresablauf freuen: Ostern, Weihnachten, Geburtstag… Leider aber gehört dazu auch die mediale Lehrer-Schelte am Ende des Unterrichtsjahres: Klassische Themen sind dabei der Neid auf die Sommerferien und der polemische Umgang mit Schülerleistungen, die mit „Nicht genügend“ beurteilt worden sind. Heuer kommt von politischer Seite ein neuer Aspekt hinzu, der mir einen Blog-Eintrag wert ist:

„Ich fordere die Lehrkräfte auf, generell alle Schülerinnen und Schüler mit nur einem Nicht genügend aufsteigen zu lassen“, lautet der Appell von Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen.“ (1)

Neu daran ist freilich nicht die implizite Forderung nach der Abschaffung des Repetierens. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Vor der gesetzlichen Begutachtung befindet sich derzeit eine Reform der Sekundarstufe II, die auch eine Reduktion der Klassenwiederholungen bewirken soll.

Neu und schockierend an Walsers Aussage ist der Aufruf zum offenen Rechtsbruch. Derzeit ist nämlich im Schulunterrichtsgesetz (§ 25 Abs. 2 SchUG) klar definiert, unter welchen Bedingungen das Aufsteigen trotz eines „Nicht genügends“ möglich ist. Ein generelles Aufsteigen-Lassen ist definitiv rechtswidrig, was Herrn Abgeordneten Walser als karenziertem AHS-Direktor bekannt sein sollte.

Welches Verständnis eines Rechtsstaates hat der Grüne Bildungssprecher? Die Botschaft ist jedenfalls eindeutig: Wenn dir ein Gesetz nicht passt, pfeif’ drauf, brich’ es! Starker Tobak für einen Parlamentarier, der im Nationalrat Gesetze beschließt!

Vor rund drei Wochen hat Andreas Unterberger geschrieben: „Die heutige Linke ist zur größten Bedrohung unserer demokratischen Grundfreiheiten geworden.“ (2) Damals habe ich das für stark übertrieben gehalten, woran ich jetzt stark zu zweifeln beginne.

(1) OTS-Aussendung der Grünen vom 13. Juni 2011.

(2) Die Heimat der Intoleranz ist rot-grün gestreift. In: Andreas Unterbergers Online-Tagebuch vom 22. Mai 2011.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

7 Antworten zu “Starker Tobak

  1. Erich Wallner

    Glücklicher E. Quin, der am 15. Juni keine anderen Sorgen hat, als sich am Grünen Bildungssprecher zu reiben – an dem Tag, an dem die Modulare Oberstufe in allen Medien verkündet wird.

    Erich Wallner, St. Pölten

    Anmerkung Quin: Es gibt einen gravierenden Unterschied: Was SPÖ und ÖVP für die Oberstufe vorschlagen, mag sinnvoll oder sinnlos sein. Ich kann es noch nicht beurteilen, weil kein Gesetzesentwurf vorliegt. Walser hingegen ruft offen zum Rechtsbruch auf. Ich gebe E. Wallner allerdings recht, dass Walser aufgrund seiner beschränkten politischen Bedeutung meine Aufmerksamkeit an sich nicht verdient.

  2. Wolfgang Halenka

    Walser ruft hier keineswegs zum Rechtsbruch auf. Er beweist bloß, dass er, wie so viele öffentlich sich Äußernde, nicht einmal einen blassen Schimmer vom Schulalltag hat, wenn er meint, „der Lehrer“ entscheide „generell“ übers Aufsteigen mit einem Nicht genügend. Aufruf zum Rechtsbruch wäre es gewesen, hätte er gesagt, was er offenbar gemeint hat: „Gib gleich gar kein Nichtgenügend, damit das Aufsteigen gewährleistet ist, auch wenn es eines sein müsste!“
    In den Medien wird allerdings auch kaum was anderes behandelt als diese mystische Zahl „drei Fünfer“. Über die zahllosen Vorteile des semesterorientierten Kurssystems und über die verschwindend kleine Anzahl von NichtgenügendsammlerInnen zu schreiben, ist einerseits mühsam, weil Verständnis erfordernd, anderseits wenig effektvoll.
    Wieder einmal schade um eine gute Sache, die mit maximaler Beschwörung marginaler Nebeneffekte schlech geredet wird.
    Das Nicht-genügend-Modul muss sowieso nachgelernt werden, und in den anderen Fächern „steigt“ man „auf“, heißt, man bleibt in der Gruppe. Die althergebrachte Klasse wird es nicht mehr geben.
    Und wenn das so schlecht ist: wieso bekämpft man dieses an den Universitäten erprobte System nicht auch dort?

    Wolfgang Halenka hat mich per Mail gebeten, folgenden Text von ihm ebenfalls zu veröffentlichen, was ich hiermit tue:
    Lieber Eckehard!
    An zwei Phrasen entzündet sich mein Furor, denen ich politischen Kleingeldmünzerei unterstelle:
    Der Titel der ÖPU-Aussendung „Abschaffung …“ und der Satz darin „Ein vollständiges Abschaffen … “ stoßen nämlich in genau die selbe Richtung wie die Berichterstattung vieler Medien, vom Boulevard bis hin, leider, zu den SN: Beinahe nirgendwo findet sich eine Betrachtung der vielen Vorteile des Systems im Hinblick auf die heutzutage so hoch geschätzte individuelle Gestaltung des Bildungswegs und der durch Schultypenzwänge nicht mehr eingeengten Wahlmöglichkeit der Schwerpunkte. Allein die Anzahl der „Fünfer“, mit denen man nicht wiederholen muss, ist wichtig, weil quotenträchtig.
    Daher nochmal:
    a) Wie viele SchülerInnen gibt es mit mehr als drei Nicht genügend? Für diese wäre – modular oder nicht modular – eine spezielle Bildungsberatung empfehlenswert.
    b) Es gibt – im alten Sinn – in der modularen Schule überhaupt kein Wiederholen, weil positiv erledigte Module nicht aberkannt werden können.
    c) Den – im alten Sinn – uns vertrauten Klassenverband wird es nicht mehr geben; ob das gut oder schlecht ist, wäre eigens zu diskutieren.
    d) Die Diskussion ums Aufsteigen mit x Nicht genügend (1 < x < n) ist also obsolet!
    e) Somit nenne ich – frech und unverfroren – sämtliche Argumentation in dieser Richtung "Quotenjagd"!
    Alle anderen Aussagen des ÖPU-Rundschreibens sind No-na-Sprüche, die zum Großteil in den bestehenden Gesetzen und Verordnungen zu finden sind.
    Ob Unter-, ob Oberstufe: Hausaltäre wollen beweihräuchert werden, hüben wie drüben; die einen sehen im Wort Gesamtschule den wahrhaftigen Gottseibeiuns und die anderen glauben, eine Namensänderung bringe sie ins schulische Paradies.
    Und zuletzt: Wie wird sich die Modularität – im schönsten Gären begriffen – mit der Neuen Matura – heftig gärend und noch der "alten AHS" entwachsen – vertragen?
    Viele Baustellen!
    Herzlich grüßt
    Wolfgang
    PS: Falls das technisch möglich ist, dann stelle diesen Text bitte auch in deinen Blog!

    • Universitäten funktionieren (noch) anders als Schulen …

    • Martin Kühnl

      …weil trotz um sich greifender verschulung der unis studenten keine schüler sind! aber es wird schon noch werden: zum ausgleich für verschulte studien, die dem freien, suchenden sich bilden hohn sprechen, kann man ja bald mit der auflösung des klassenverbands jugendlichen anstelle solidarischen handelns das einzelkämpfertum beibringen, das die new economy braucht. ich würde es ja noch verstehen, wenn sich irgendwelche liberalen, die es in österreich ohnehin nur in homöopathischen dosen gibt, für die modulare oberstufe stark machen; dass der sozialdemokratie nach dem gesellschaftspolitischen auch das schulorganisatorische klassenbewußtsein abhanden kommt, wär ja fast schon wieder lustig, wenn´s nicht so traurig wär.

    • Christian Sitte

      Das Problem ist, dass bei Modulen an der Uni es durchaus auch möglich ist, dass etwa 70% durchfallen…DAS schaue ich mir mal in iner AHS an… bzw. auch an der Uni gibt es Abfolgen (etwa dass dzt. in Studieneingangsphasen aus dem Angebot erst mal etwa die 4 schwersten Prüfungen positiv sein müssen (WU9 oder man dazu nur 2mal antrehen darf…
      Übrigens: es gibt FHs, da bekommt man bei zweimaligen Fehlen eine e-mail, dass man beim nächstenmal automatisch aus dem Kurs fliegt… Von den Proseminaren, die man als immanente PrüfungsLVs nicht mehrmals kolloquienartig wiederholen kann, sondern eben diesen Semesterkurs mit Nichtgenügen ganz nochmals machen muß, rede ich da noch nicht…denn das gabs auch zur zeit meines Studiums schon…

  3. Jedenfalls ein großes Dankeschön für E.Quin’s Essenzen. Wie schon oft, können hier Entgleisungen aller Art in aller Offenheit und Öffentlichkeit nachgelesen werden. Es ist manchesmalk schon seltsam, welch Bildungs- bzw. Informationsstand unsere Volksvertreter „auszeichnet“ …

  4. Christian Sitte

    Nun so „alleine“ stehen Leute wie Walser nicht – auch ich hatte mal eine (wiener sp)_Direktorien, von der regelmäßig der Spruch kam, wenn wir in der Klassenkonferenz darüber diskutierten, dass der oder die „…auch sein Nichtgenügend (in der Regel gepaart mit einer Latte von gerade noch Genügend) eben nun wegen jahrelanger Faulheit und Nichtstuen bzw. „an der Kante wandelns“ bekommen hätte und nun daher diese Rückstände in E, M, F, L…oder… auftreten“ und eine Ehrenrunde (bei der manche wirklich auch reiften) einmal fällig wäre, diese Diskussionen in der Lehrerkonferenz mit ihren Worten beendete „na dann hat er/sie ja das Potential das im nächsten Schuljahr aufzuholen… wenn er/sie nur faul ist…“
    DAS ist ja das Problem in der jetzigen Diskussion: viele sind aufgrund des dazu nötigen Bürokratismus („gab es eine Frühwarnung wegen des unabgesicherten Genügends…?“) schon so mürbe, dass sie in Pfeif drauf Mentalität sich geschlagen geben und lieber aufsteigen lassen. Dann kommen derart Leute in die 8.Kl., die dann weitere viermale solange mit Nachterminen antreten (und Kommissionen in Geiselhaft halten), bis sie endlich jeder weg haben will (verständlich, machen das doch HS-Lehrer in der 4. Kl es dort doch auch, um solche Lernunwillige nicht mehr aushalten zu müssn…).
    PERVERS ist bei dieser (möglicherweise in Wien noch stärkeren) Aufweichung der Aufstiegkriterien ja nur, dass diese 18jährigen in ein Postsekundäres Bildungssystem überwechseln, wo seit geraumer Zeit ein gegenläufiger Trend ist: zB.: gut weniger als 1/3 überstehen die Studieneingangsphase der WU (Wirtschaftsenglisch lt. ÖH-Zs um die 70% Nichtgenügend… bei späteren Masterstudien verlangen sie danach dann dort zusätzlich Notenschnitte um die „2“ !)
    Bei der an sich nicht dummen Idee einer Modularisierung (Chance die elendigen 1-Stundenfächer wegzubekommen…Fächer semsterweise gab es übrigens schon im LPen der Zwischenkriegszeit) glaubt doch nicht wirklich jemand, dass wir im SS etwa für die in 3-4 Klassen anfallenden 12-14 „Nun-doch-nicht-Repetierer“ zB. einen Kurs Mathematik-1 zusätzlich bekommen… etc. Gerechnet auf eine durchschnittliche AHS wären das für solche schräg stattfindende Kurse (die dann in mehreren F#ächern anfallen würden) gut 1,5 Lehrverpflichtungen zusätzlich (wir sind ja keine MS, dass wir solches dazubekommen.).
    Zweitens: wenn man sich die derzeitigen Modularisierungsentwürfe von Versuchsschulen ansieht, erkennt man oft schwere fachdiaktische Mängel in der Auswahl/Aufsplitterung/Abfolge in Module im Verhältnis zu den LPen und derzeitigen Schulbüchern. Eben, weil das Ministerium/LSR bei der fachdidaktischen Beratung „sparte“ und die Basis alleine gelassen hat, die sich oft zeitmäßig aber in Konferenzen aufrieb, aber eben für Curriculumarbeit nicht ausgerichtet war. Glaubt jemend, dass das BMUKK da nun sinnvoller agieren wird…bei seinen knappen Kassen…? Da macht man lieber Systemkosmetik und steigert den Output – auch wenn da immer mehr Maturanten produziert werden, deren Wissen, Kompetenzen etc…im Vergleich zu früheren Maturantenjahrgängen immer schlechter werden.

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