Darf’s ein bisserl mehr sein?

Was sich derzeit in Schleswig-Holstein abspielt, ist wohl der Traum aller schwachen SchülerInnen. Da das Zentralabitur in Mathematik an den beruflichen Gymnasien „absolut katastrophal“ ausgefallen war, beschloss FDP-Bildungsminister Klug, die Bewertung aller Arbeiten per Dekret als „Härteausgleich“ um 20 Prozent anzuheben. (1)ZRP-AmnestieDas entspricht, so kann man als Außenstehender nur mit ungläubigem Staunen zur Kenntnis nehmen, einer generellen Anhebung aller Mathematik-Noten um einen Grad. Nicht überliefert ist, was jene AbiturientInnen als Bonus bekamen, die ohnehin mit der Bestnote abgeschnitten hatten. Aber deren Schicksal kümmert wohl nur eine kleine Minderheit der „ExpertInnen“ im Bildungsbereich, die meisten „ExpertInnen“ haben ihr Augenmerk schon längst den Leistungsstarken entzogen.

Wem Fairness ein Anliegen ist, den schmerzen derartige Vorgänge. Warum steht eine Schülerin, die mit Fleiß und Anstrengung die Bestnote geschafft hat, plötzlich mit der gleichen Note da, wie jemand, der vor dem ministeriellen Gnadenakt nur durchschnittlich zu beurteilen war?

Diese Ungerechtigkeit wäre wohl leichter zu verschmerzen, gäbe es nicht den Numerus clausus, der im Doppel-Abi-Jahr 2011 (2) in Deutschland besonders selektiv wirkt. Kein Wunder also, dass umgehend die Forderung erhoben wurde, das 20-Prozent-Geschenk nicht auf eine Schulart zu beschränken, sondern es über ganz Schleswig-Holstein gleichmäßig zu verteilen. Es ist ja tatsächlich schwer argumentierbar, warum jemand durchfallen muss oder am Medizinstudium gehindert wird, bloß weil er sein Abitur in der falschen – weil bonusfreien – Schulart ablegte.

Noch ist offen, wann von Hamburg bis Bayern der Ruf nach „20 Prozent plus“ für alle erschallen wird, um gesamtdeutsche Gerechtigkeit beim Numerus clausus zu erzielen.

Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, was eine Ausweitung von ministeriellen Punkte-Boni auf die Universitäten bedeutete. Oder wollten Sie über eine Brücke fahren, deren Baustatiker sein Diplom letztlich dem Gnadenakt eines Ministers verdankt?

(1) Eine Note besser, bitte. In: Welt Online vom 1. Juni 2011.

(2) In Bayern und Niedersachsen maturieren 2011 die SchülerInnen des letzten Jahrgangs mit neun Gymnasialjahren und die ersten des Jahrgangs mit acht Gymnasialjahren.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

3 Antworten zu “Darf’s ein bisserl mehr sein?

  1. Ich habe gestern meine Mathe-FOS-Prüfung in Sachsen geschrieben, und die war wahrlich kein Zuckerschlecken. Wir alle haben und durch den Stoff nur so gekämpft und sind letztlich auch froh, wenn wir diese Prüfung einfach nur bestehen.
    Aber wenn ich dann sowas lese, und auch um jede Note kämpfe, nur damit ich diesen scheiß NC schaffe, den ich brauche, wo ich ja noch nicht mal weiß, wie der später überhaupt sein wird, frage ich mich, wo ist die Gerechtigkeit geblieben? Das heißt mal wieder, dass nur die im Leben weiter kommen, die sich durchmogeln.
    Mit ehrlicher Arbeit und Leistung ist in Deutschland echt nichts mehr zu holen…
    So bekommt Deutschland auch keine Qualifizierten Fachkräfte…

  2. Erich Wallner

    Wir brauchen uns über Deutschland nicht zu mokieren, wir sind in Ö auch nicht besser:
    In Englisch (AHS) hatten wir früher (in NÖ) die Fünfergrenze irgendwo bei 60% (oder noch höher) der erzielten Punkte, vor wenigen Jahren wurde sie per LSR-Weisung auf 50% reduziert .
    Das ist so, wie wenn beim Trinkwasser zuerst der Grenzwert für Nitrate angehoben wird, um sich danach der gestiegenen Wasserqualität zu rühmen.

  3. Ich habe gestern meine Mathe-FOS-Prüfung in Sachsen geschrieben, und die war wahrlich kein Zuckerschlecken. Wir alle haben und durch den Stoff nur so gekämpft und sind letztlich auch froh, wenn wir diese Prüfung einfach nur bestehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s