Gerhard Riegler: Schwerhörig

Lautsprecher sollen Lärm in Schulen übertönen“. So lautet die Überschrift eines Artikels in der „Welt“ (1). Tatsächlich wissen wir LehrerInnen aus reicher Erfahrung, wie miserabel die Akustik in den meisten Klassenräumen ist. Einer unheiligen Allianz aus bürokratischen Vorgaben, knappen Mitteln und manchmal abgehoben agierenden ArchitektInnen ist diese Qualität zu verdanken.

Eine mindestens ebenso wichtige Ursache, warum SchülerInnen Ausführungen ihrer LehrerInnen nicht folgen können, liegt bei nicht wenigen jungen Menschen im Nicht-Erfüllen ihrer „akustischen Holschuld“. Natürlich haben wir LehrerInnen die „Bringschuld“, klar, deutlich und ausreichend laut zu sprechen. Es ist aber auch Pflicht der SchülerInnen, ihre Aufmerksamkeit dem Unterrichtgeschehen zu widmen.

Ein drittes Phänomen fällt uns LehrerInnen immer wieder bei Gruppenarbeiten auf. Viele SchülerInnen schaffen es nicht (mehr), mit knapp neben ihnen Sitzenden in „Zimmerlautstärke“ zu sprechen. Sie scheinen auch beim besten Willen ihren eigenen Lautstärkeregler nicht mehr bedienen zu können. Die Gründe dafür werden vielfältig sein: dezibelreiche Dauerberieselung via Kopfhörer, gesundheitsschädlich laute Disco-Beschallung und, nicht zu unterschätzen, das TV-Gerät, das in vielen Wohnzimmern leider zu oft eingeschaltet ist und das es seit der Geburt zu übertönen galt, wollte sich Kind Gehör verschaffen.

  • Wir brauchen (auch) akustisch optimierte Schulbauten zur Hebung der Unterrichtsqualität.
  • Wenn Unterrichtsstunden vor allem dem Unterricht dienen sollen, brauchen wir die notwendige personelle und materielle Unterstützung, damit die immer mehr werdende Erziehungsarbeit nicht die Unterrichtsarbeit verkommen lässt. PolitikerInnen, die das noch immer nicht hören wollen, sollen nicht von „Output-Orientierung“ faseln, sondern sich eine Einführungsphase in die Schulwirklichkeit vergönnen.
  • BildungspolitikerInnen bräuchten Hörgeräte, um nicht mehr auf Einflüsterungen ihnen nahestehender „ExpertInnen“ angewiesen zu sein.

Dass man auch mit Flüstern ans Ziel kommen kann, zeigte BM Schmied jüngst bei der Bestellung des neuen MAK-Direktors. (2) Könnte sie im Bildungswesen so freihändig agieren wie im Kulturbereich, wäre uns LehrerInnen wohl schon Hören und Sehen vergangen.

(1) Christoph B. Schiltz, Brüllende Pauker. Lautsprecher sollen Lärm in Schulen übertönen. In: Welt Online vom 19. Mai 2011.

(2) Eckehard Quin, Weil ich dich MAK… In: QUINtessenzen. Eckehard Quins Blog zur österreichischen Bildungspolitik vom 22. Mai 2011.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Schwerhörig

  1. s.g. Eckehard Quin,

    ist der schlusssatz als warnung oder als wunsch zu verstehen?

  2. Es ist doch absurd, mit Lautsprechern den Lärmpegel in den Klassen weiter zu erhöhen. Aktives Zuhören bei den SchülerInnen ist zu schulen … und ausreichende Disziplin.

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