Gerhard Riegler: Vormachen statt bloß vorschreiben!

Das Verständnis um die besonders schwierigen Bedingungen, unter denen wir heute unseren Beruf ausüben, wird allmählich auch Menschen bewusst, die nicht unserer Berufsgruppe angehören: „Viele Nationalitäten in der Klasse, relativ große Klassen, Konfliktfelder mit schwer zu motivierenden Kindern, deren Eltern und der Schulleitung. Die Lehrer stehen mitten im Spannungsfeld unterschiedlichster Interessen.” (1) So beschreibt Dr. Gerd Kötschau, Chefarzt für Psychosomatik, die Gründe, warum immer mehr Lehrerinnen und Lehrer vom Burnout erfasst werden und ihren Beruf nicht bis zum vorgesehenen Pensionsantrittsalter ausüben können.

Im Grundschulbereich haben wir heute 60 bis 70 Prozent Kinder, die nicht dem Reifegrad der Grundschule entsprechen, sondern dem von zehn bis 16 Monaten.“ (2) Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Sozialpsychiater, spricht ein heißes Eisen an, das von der Bildungspolitik verschwiegen oder verharmlost wird. Auch das zweite Winterhoff-Zitat sollte für die für unser Sozial- und Pensionssystem politisch Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen lassen: „Laut einer aktuellen Studie ist ein ganz großer Prozentsatz der auf den Arbeitsmarkt strömenden jungen Erwachsenen nicht arbeitsfähig. Diese Fehlentwicklung habe ich schon vor 15 Jahren prognostiziert. Und ich glaube, dass diese Zahl noch enorm steigt.“ (3)

Natürlich sind wir gefordert, dieser fatalen Entwicklung entgegenzutreten, werden dabei aber sträflich allein gelassen: „Die Position des Lehrers wird immer schwieriger. Er hat immer mehr Kinder, die er gar nicht herkömmlich unterrichten kann. Er hat Eltern, die […] nicht problembewusst sind. Er hat eine Schulaufsichtsbehörde, die grundsätzlich den Eltern recht gibt und dem Lehrer Vorwürfe macht, und er ist permanent mit Reformideen konfrontiert, die bei diesen Kindern gar nicht umsetzbar sind.“ (4)

Viele Anregungen brachte ich gestern Nacht von der Fachtagung in Berlin mit nach Hause. Zu den obigen Aussagen Kötschaus und Winterhoffs passt z. B. eine Forderung, die Univ.-Prof. Dr. Rainer Dollase (Universität Bielefeld) erhob: „Die Kontrolleure müssen das vormachen können, was sie kontrollieren!“ Dieses Postulat würde ich gerne noch erweitern und das Vormachen auch von BildungspolitikerInnen einfordern, bevor sie uns mit immer neuen Heilslehren beglücken: Die Praxiserfahrung wäre für sie heilsam und ersparte der Schulwirklichkeit viel Unheil.

Warum musste ich bis nach Berlin reisen, um von BildungswissenschaftlerInnen eine geballte Ladung wertvoller Einsichten zu erfahren? Dazu eine nachdenklich stimmende Feststellung von Univ.-Prof. Dr. Manfred Becker (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): „Politiknähe macht Forscher eitel und blind.“ Ist Erkenntnis auch eine Frage der Freiheit und Unabhängigkeit?

(1) Immer mehr Lehrer brennen aus. Mediziner rät, Warnsignale ernst zu nehmen. Presseaussendung vom 27. April 2011.

(2) Klaus Höfler, Psychiater: „Kinder wieder als Kinder sehen“. In: Presse Online vom 14. Mai 2011.

(3) a.a.O.

(4) a.a.O.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Eine Antwort zu “Gerhard Riegler: Vormachen statt bloß vorschreiben!

  1. Sehr gut!
    Alle Schreibtischpädagoginnen sollten eine halbe Lehrverpflichtung übernehmen: Unterrichtsminister, LSIs, Bildungssprecher, Bildungsjournalisten, usw., und zwar in „schwierigen“ Klasssen.
    Montag bis Mittwoch mittags ist Unterricht für diese Leute, den Rest der Woche ist für Theorie vorgesehen.
    Dann wird sich die „Vorschreiberei“ schnell ändern!

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