Gerhard Riegler: Einwegsager

Jetzt müsse Schluss sein mit dem Blockieren, jetzt müsse der Widerstand durchbrochen werden. Praktisch alle Länder Europas hätten sich längst von den Segnungen dieser Neuerung überzeugt, es sei einfach unverständlich, warum sich so viele ÖsterreicherInnen noch immer gegen …

Nein, ich rede nicht von der Gesamtschule, ich rede auch nicht vom neuesten „Amon-Schrei“, dem „Bildungsdiskonter“, in dem SchülerInnen ihr „Bildungszubehör“ auswählen. Nein, ich rede vom Jahr 1978, dem Jahr, in dem ich zum ersten Mal eine Klasse als Lehrer betrat. Ich beziehe mich nicht auf die damalige Bildungspolitik, sondern auf die damalige Propagandaschlacht für das AKW Zwentendorf.

Ich erinnere mich an die Drohung des damaligen Bundeskanzlers, der uns Jungen brummend verkündete, dass sich alle bald von ihrem geliebten Elektrorasierer trennen und zur Rasierklinge greifen müssten, sollte die Volksabstimmung gegen Zwentendorf ausgehen. Neben solch skurrilen Sagern wurde damals – ebenso wie heute – die Killerphrase von der Fortschrittsfeindlichkeit ausgepackt: Man dürfe sich dem Neuen nicht verschließen, das Bisherige gehöre auf den Schrottplatz der Geschichte. Als Tschernobyl detonierte, waren natürlich fast alle „immer schon“ gegen Zwentendorf gewesen …

Heute leben wir mehr denn je in einer Wegwerfgesellschaft, doch nicht nur im materiellen Sinn: Es grassiert besonders in der Bildungspolitik eine infektiöse Manie, Bewährtes wegzuwerfen und etwas „Neues“ haben zu wollen. Wer vor Langzeitfolgen dieser Besessenheit warnt, „blockiert“. Denn der billige Einwegsager, der die schnelle Schlagzeile verspricht, hat in der Bildungspolitik wieder Saison.

Mit Blick auf Japan sind wir einstigen Zwentendorf-Blockierer, die wir uns der Regierungspropaganda erfolgreich widersetzen und andere dazu motivierten, heute die Vordenker, weil wir gestern die Blockade gewagt haben.

Bildung ist ebenso wie Gesundheit eines der wertvollsten Güter eines Menschen und der Gesellschaft. Da ich meinen Söhnen ebenso wie meinen SchülerInnen den Wohlstand, den wir heute genießen dürfen, für morgen vergönne, hoffe ich, dass sich Österreichs Bevölkerung auch in Bildungsfragen nicht ins Bockshorn jagen lässt. Denn der Bart der Politpropaganda ist – mit oder ohne Elektrorasierer – schon reichlich lang und verfilzt.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Einwegsager

  1. Wie wahr!

    Leider ist es so, dass jene, die heute mit dem Zeitgeist verheiratet sind, morgen nicht Witwer sind, sondern wieder mit dem Zeitgeist verheiratet sein werden. So überrascht es nicht wirklich, dass (wahrscheinlich) die damaligen Zwentendorfbefürworter die heutigen Gesamtschulbefürworter (und vielleicht sogar Atomkraftgegner) sind.

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