Gerhard Riegler: Hoch bezahlte Perlentaucher

Ein Beamter einer Schulbehörde hängt seinen Posten an den Nagel, um Eltern seine Beratungsdienste in Berufungsverfahren gegen Schulbehörden anzubieten. Es handelt sich um keinen Einzelfall! Nein, der Beamte folgt seinen KollegInnen, die diesen beruflichen Wechsel schon vor ihm unternommen haben. „Schullaufbahn-Beratungsagenturen“ florieren – keine Fiktion, sondern Realität. Nicht in Bayern, in der Schweiz oder gar in Österreich, Ländern mit angeblich ungerechten, weil selektiven Schulsystemen, sondern im traditionsreichen Gesamtschulstaat England.

BM Schmieds „ExpertInnen“, die ja nicht das unmittelbare Zielpublikum meines Edits sind, werden es nicht gerne lesen: In England ergibt sich die Masse derer, die sich für ihre Kinder keine sündteuren Privatinstitute leisten können, nicht mehr ihrem Schicksal. Die Unzufriedenheit der Eltern mit dem staatlichen Schulangebot hat ein neues Gewerbe entstehen lassen. Die Not des gesellschaftlichen Mittelstands ist in England inzwischen derart groß, dass man sich den Diensten professioneller „SchullaufbahnberaterInnen“ anvertraut.

Verzweifelte Eltern wollen ihre Kinder nicht in jenen Schulen landen lassen, die (wenig schmeichelhaft, aber wohl zu Recht) als „sink schools“ (1) bezeichnet werden. „Comprehensive Schools“ aber, die hochwertige Schulbildung anbieten, sind rare Ausnahmen, werden deshalb immer begehrter, sind massiv überlaufen und können sich ihre SchülerInnen aussuchen. Sie werden zu Perlen in den Tiefen des öffentlichen Schulwesens.

Millionen englischer Eltern, die nicht stinkreich sind, denen also der Zutritt zu Privatinstituten aus monetären Gründen versperrt ist und die sich auch kein Haus in der unmittelbaren Umgebung einer dieser Perlen leisten können, haben nur eine Option, wenn sie nicht resignieren wollen: die Hilfe professioneller „SchullaufbahnberaterInnen“. Denn Schlichtungsstellen entscheiden über die zahlreichen Beschwerden von Eltern, deren Kinder keinen Platz an einer der begehrten Schulen gefunden haben. Es gewinnen meist jene, die sich den besten „Schullaufbahnberater“ leisten können, idealerweise einen, der (siehe ganz oben!) vorher in einer Schulbehörde gearbeitet hat.

Die Not des einen wird zum blendenden Geschäft des anderen. Um zu verstehen, was daran sozial oder gerecht ist, muss man wohl „Experte“ sein.

(1) The Sunday Times, March 6, 2011

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