Träume und Albträume

Wenn ein Wiener Nobel-Friseur heutzutage Lehrlinge sucht, ist der Andrang groß. Im Vorjahr wollten rund 600 junge PflichtschulabgängerInnen einen Ausbildungsplatz ergattern.

Die dabei zu überspringenden Hürden, so berichtet das Wirtschaftsblatt (1), sind beachtlich und erinnern an ein „Mini-Assessment Center“. Kein Ausbildungsbetrieb, der auf sich hält, begnügt sich mit punktuellen schriftlichen Tests. Vielmehr durchlaufen hoffnungsfrohe junge Menschen umfangreiche, oft mehrtägige Auswahlverfahren, in denen die Bestgeeigneten „ausgesiebt“(O-Ton Wirtschaftsblatt) werden.

Wenn wir LehrerInnen junge Menschen fit für die Zukunft machen wollen, müssen wir sie, egal ob Friseur oder Ärztin, auf strenge und harte Eingangsprüfungen vorbereiten, bei denen zu einem bestimmten Zeitpunkt Leistung zu erbringen ist, und dies ohne Wenn und Aber. Entsprechendes Benehmen und Pünktlichkeit werden selbstverständlich vorausgesetzt.

Nicht nur ich frage mich in diesem Zusammenhang wohl, ob die aktuell gültige Leistungsbeurteilungsverordnung (LBVO) dazu angetan ist, die dafür nötigen – um es dem pädagogischen Zeitgeist entsprechend auszudrücken – Kompetenzen zu fördern. Die Unterrichtsministerin ist hier gefordert. Zu einer sinnvollen LBVO-Reform aufgefordert wurde sie von uns bereits viele Male.

Auch die von manchen „ExpertInnen“ aufgeworfene Frage, ob die geplante „Mittlere Reife“ nicht zu viel Stress für die 14-Jährigen bedeutet, verblasst angesichts dessen, was nicht nur Edelfigaros, sondern auch Billa und Co ihren künftigen MitarbeiterInnen im zarten Alter von 15 Jahren zumuten.

In kühnen Träumen kann ich mir auch vorstellen, in „Assessment Centers“ aus den Scharen pädagogisch beseelter MaturantInnen die Besten für ein Lehramtsstudium auswählen zu lassen. Damit mein Traum wahr werden kann, müsste aber zuerst BM Schmied aufwachen und Arbeitsbedingungen sowie Anfangsbezüge dramatisch verbessern. Sonst gibt es bald ein böses Erwachen, und der Albtraum eines massiven LehrerInnenmangels wird Realität.

(1) Melanie Manner, Assessment Center auch für Lehrlinge. In: Wirtschaftsblatt Online, 21. Jänner 2011.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

2 Antworten zu “Träume und Albträume

  1. Mag. Martha Kogler

    Sehr geehrter Herr Dr. Quin!

    Ich kann Ihnen zu Ihrem Artikel „Träume und Albträume“ nur gratulieren! Es stimmt mich, was die Zukunft unseres LehrerInnen-Daseins anbelangt (vorsichtig ) optimistisch, wenn von oberster Stelle unserer Standesvertretung die Forderung nach Leistung so klar und unmissverständlich gestellt wird.

    Im letzten Jahrzehnt der Land auf Land ab praktizierten ‚Kuschelpädagogik‘ wurde man als Lehrkraft ja fast der Kinderschänderei bezichtigt, wenn man die Beherrschung des im Unterricht durchgenommen Lehrstoffes ( in meinem Fall in Englisch und Französisch) im Rahmen einer Leistungskontrolle von seinen SchülerInnen verlangte. In unserem leistungsfeindlichen Bildungssystem fühlt man sich als verantwortungsbewusste Lehrkraft seit Jahren als ‚Don Quichot’sche Marionette‘, die sich vor Schularbeiten und Tests mehr fürchten muss als die SchülerInnen, weil man bei schlechten Ergebnissen im Rahmen einer Vorladung in die Direktion sein Tun und Handeln zu rechtfertigen hat und ständig mit dem unterschweligen Vorwurf der ‚Maßlosigkeit‘ konfrontiert ist.
    Entsprechend des für Ihren Artikel gewählten Titels, ist mein ehemaliger ‚Traumberuf‘, den ich im Jahr 1977 voll Enthusiasmus und Arbeitseifer begann, im wahrsten Sinne des Wortes zum ‚Albtraum‘ geworden, der nicht nur meine psychische, sondern mittlerweile auch physische Gesundheit stark in Mitleidenschaft gezogen hat.

    Mag. Martha Kogler, BG u. BRG St. Pölten

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Quin!
    Aufwachen, es ist kein Albtraum, es ist die Realität: LehrerInnenmangel! Wenn StudentInnen oder aber auch liebe pensionierte LehrerInnen zum Unterricht und/oder als BegleitlehrerInnen des verantwortlichen/der verantwortlichen Lehrers/Lehrerin herangezogen werden, die einen in sinnvoller Vorbereitung auf den angepeilten Beruf (!), die anderen in alter Verbundenheit mit der unter heißen Tränen in den Unruhestand (Zitat Mag. M. Maszl) verlassenen Schule, dann ist der Albtraum bereits Realität.
    Gerne rede ich der Aufnahmeprüfung in die AHS, 5. oder 6. Schuljahr (wie geht das noch mit dem verpflichtenden Kindergarten und der Vorschule? Sind diese Beiden nicht schon ein erstes Signal für Leistungsforderung/-förderung?) das Wort. Aber der Aufschrei, dies sei diskriminierend und spiegle u.U. nicht die Ganzheit der SchülerInnenperson wider, lässt mich sofort verstummen. Ah ja, es ist dies ein Politikum, wie konnte ich das vergessen: gleiches Recht für alle…. auch für die Unwilligen, die Benachteiligten, die Gestressten. Ich weiß schon, die VS-Lehrerin hat das liebe Kind nicht entsprechend gefordert. Da ist es wieder, das böse Wort Forderung. Dann eben in die Hauptschule, wie wenn das ein Abstieg wäre! Ja, jetzt muss diesen konsequent betriebenen sozialen Abstieg der HS (und der AHS-Unterstufe) die Mittlere Reife ausbügeln. Die Bundesdeutschen werden schauen, wenn sie den/die ersten/erste Absolventin zu fassen kriegen: so jung und schon Mittlere Reife, na sowas!!! G.Krenslehner, Pension
    P.S.:Bravo, Frau Magister Kogler, danke für Ihren Beitrag!

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