Gerhard Riegler: Eine unglaubliche Chuzpe

Eine chinesische Kindheit und Jugend ist eine Art Spießrutenlauf von einer Prüfung zur nächsten. Schon im Kindergarten, der eher eine Art Vorschule ist, lernen sie [die Kinder] Englisch und bekommen Zeugnisse.“ So berichtet die Süddeutsche Zeitung in einem wohl nicht nur mich nachdenklich stimmenden Artikel (1) über den PISA-Sieger Shanghai.

Wird unter Umständen auch unser Schulwesen vom alten Extrem, der über Jahrzehnte „kultivierten“ Missachtung von Leistung und Anstrengung, irgendwann ins neue kippen, der Huldigung des goldenen OECD-Maßstabes? Wird Österreichs Schule unter dem Druck der OECD, die ausschließlich auf Messbares abzielt und Nichtmessbares immer mehr an den Rand drängt, die Schule des PISA-Siegers Shanghai imitieren wollen? Hoffentlich nicht!

Hoffentlich werden wir unsere SchülerInnen, anders als Shanghai und weitere „PISA-Sieger“, auch in Zukunft als menschliche Individuen mit Stärken und Schwächen, selbstverständlich auch mit altersbedingten Interessen und Bedürfnissen, verstehen und ihnen mit pädagogischer Liebe und Professionalität begegnen dürfen!

Um das zu erreichen, muss sich unsere Schule aber schnellstens vom Diktat der externen „Besserwisser“ befreien. Denn abgehobene PolitikerInnen und ihre politischen Günstlinge haben mit ihrem Geschwätz schon mehr als genug Schaden angerichtet. Jahrelang einen leistungsorientierten Unterricht zu diffamieren, aber dann ein hohes Leistungsniveau der SchülerInnen als „Output“ einzufordern, ist wirklich eine unglaubliche Chuzpe.

Unser Bildungswagen wird hoffentlich aus dem Graben der Leistungsfeindlichkeit gezogen, ohne gegen die Leitplanke „Drillschule“ zu schleudern, wird hoffentlich auf die Fahrbahn der pädagogischen Vernunft zurückgelenkt.

Bildungspolitikerinnen, die Leistungsanforderungen als Hürden empfinden und aus dem Weg räumen wollen, gehört schnellstens der Führerschein entzogen. Denn am Steuer ist nüchterner Weitblick vonnöten, um den Insassen nicht die Zukunft zu rauben.

(1) Henrik Bork, Der Chinakracher. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 5, 8. Jänner 2011, S. 3.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Eine unglaubliche Chuzpe

  1. Danke an Gerhard Riegler für seine Wochenkommentare! Selten bringt jemand die Problematik so auf den Punkt wie er. Möge es den Wochenkommentaren gelingen, auch von „unseren“ PolitikerInnen gelesen zu werden.

  2. kri

    Irgendwie erinnert mich die Schulpolitik an die Tarotkarte mit dem Pferdewagen: die beiden Pferde, die ein Gespann sein sollten, ziehen nach verschiedenen Richtungen: das eine nach rechts, das andere nach links … na dann: Gute Fahrt! Leider leiden aber Unschuldige an dem Ergebnis …

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