Gerhard Riegler: Späte Einsicht

Vor wenigen Tagen erzählte mir eine Kollegin, dass sie im Rahmen eines Maturatreffens von einer beruflich sehr erfolgreichen Absolventin folgende Rückmeldung erhielt: „Sie haben uns Schülerinnen oft genervt, weil Sie immer auf Leistung, Disziplin und Ordnung bestanden haben. Je mehr ich aber das Leben außerhalb der Schule kennenlernte, umso dankbarer wurde ich Ihnen dafür!“

Es ist tatsächlich ein wichtiger Teil unseres pädagogischen Wirkens und unserer pädagogischen Verantwortung, uns manchmal auch unbeliebt zu machen. Dabei brauchen wir LehrerInnen oft gute Nerven und einen langen Atem, weil unser Gegenüber noch nicht begreifen kann, worauf es letztlich ankommt, was alles zu Bildung gehört, was SchülerInnen tatsächlich fit fürs Leben macht.

Lehrer müssen nicht geliebt werden“ lautet der Titel eines höchst lesenswerten ZEIT-Artikels. (1) In ihm bringt es Gabriele Behler, die vormalige SPD-Kultusministerin Nordrhein-Westfalens, auf den Punkt, womit wir LehrerInnen umgehen können müssen: „Schüler haben das Recht, ihre Lehrer nicht zu lieben.“ Und wir LehrerInnen haben die Pflicht – um Gabriele Behler zu paraphrasieren – nicht der Gunst unserer SchülerInnen nachzulaufen.

Dieselbe Pflicht gilt übrigens auch für unseren Umgang mit der Bildungspolitik: Wer seiner Verantwortung gerecht werden will, darf Menschen, denen aus diversen Gründen Ein-, Durch- und Überblick fehlen, nicht willfährig sein, auch wenn man sich dadurch nicht gerade beliebt macht. Meinen noch ungeborenen Enkelkindern wird es wohl reichlich gleichgültig sein, ob ich 2010 bei der Unterrichtsministerin beliebt war. Ganz und gar nicht gleichgültig wird es aber ihren Eltern sein, ob ihre Kinder auch noch ein hochwertiges Bildungssystem besuchen können, für dessen Finanzierung der Staat aufkommt. Und mir ist es schon heute ein großes Anliegen, dass auch meine Kinder und Enkelkinder ebenso wie wir einen Wohlstand genießen dürfen, der zu den höchsten der Welt gehört. Und dazu hat die Schule einen maßgeblichen Beitrag geleistet und wird ihn weiter leisten müssen, ob das von BildungspolitikerInnen im Moment verstanden wird oder nicht.

(1) Gabriele Behler, Lehrer müssen nicht geliebt werden. In: „Die Zeit“, Nr. 39/2010, vom 23. September 2010, online abrufbar unter http://www.zeit.de/2010/39/C-Reformpaedagogik?page=all

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Eine Antwort zu “Gerhard Riegler: Späte Einsicht

  1. Claus Mantler

    Ja, „Lehrer müssen nicht geliebt werden“, und ich gehe sogar soweit zu sagen, dass jene, die bei ihren Schülern nach Liebe heischen und ihnen zu gefallen suchen, grob fahrlässig handeln, da es unsere Pflicht ist, den Schülerinnen und Schülern Grenzen zu setzen, uns ihnen notfalls in den Weg zu stellen und uns unbeliebt zu machen.

    Was aber machen ReligionslehrerInnen, die dazu verurteilt sind, sich Jahr für Jahr der Abstimmung ihrer Schülerinnen und Schüler zu stellen, obwohl diese (siehe Artikel) noch keine Einsicht haben in den Sinn von Disziplin? Die Einsicht darein stellt sich meist erst später ein. Sollen sie auf Disziplin verzichten? Oder sollen sie sich ihren SchülerInnen in den Weg stellen, damit man sie später selbst aus dem Weg räumt bzw. ignoriert? Bei jeder Maßregelung (v.a. in der Oberstufe) schwingt diese Angst mit, es sich mit dem Gegenüber zu verscherzen. Mir hat ein Schüler heuer als Grund für seine Abmeldung gesagt, ich hätte ihn vergangenes Jahr zu oft ermahnt. Bravo kann ich nur sagen. Ich hätte mir also seine Frechheiten und sein den Unterricht störendes Verhalten einfach gefallen lassen sollen. Religionslehrer sind die Einzigen, die nach einer Verwarnung einer Schülerin oder eines Schülers letztlich die Strafe selbst zahlen. Das Gesetz will das so.

    Disziplin einzufordern – und vielleicht sogar Leistung – und zugleich soweit entgegen zu kommen, dass sich die Schüleriinen und Schüler im folgenden Jahr nicht verabschieden (Abmeldungen haben ja auch deftige finanzielle Folgen), ist ein Spagat, der eigentlich schon an Unzumutbarkeit grenzt. Es ist die pädagogische Quadratur des Kreises. Es ist ein Schuss des Systems ins eigene Knie und eine Belobigung der Uneinsichtigen.

    Eine Lehrkraft, die Humor hat und sich zu präsentieren weiß, ist zweifellos im Vorteil. Was aber macht eine Kollegin oder ein Kollege, der/dem beispielsweise das Showtalent fehlt bei unbestrittener fachlicher Kompetenz? Ihnen fallen erfahrungsgemäß die SchülerInnen weg. Dieser Demütigung (ich will es so nennen) ist kein anderes Fach ausgesetzt.

    Da das Fach m.E. aber an Bedeutung gewonnen hat (u.a. Wandel des Selbstverständnisses, geänderte Rahmenbedingungen, Globalisierung und Feindschaft der Religionen, Fundamentalismus u.v.m.), ist diese Konsequenz katastrophal. Der Ethik-Unterricht ist zwar eine kluge Antwort, aber nicht die Lösung des Problems. ReligionslehrerInnen werden auch weiterhin dem Wohlwollen und der Willkür ihrer SchülerInnen ausgesetzt sein. Am Anfang eines Schuljahres kann ihnen heimgezahlt werden, was sie an Disziplin (einerlei ob zu recht oder zu unrecht) eingefordert hatten.

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