Gerhard Riegler: Röcke für alle!

Der Wiener Bürgermeister hat vor wenigen Tagen in seiner ihm eigenen Sprache wieder den Sprung in die Medien geschafft: „Ist Karl wo ang’rennt?“ (1) Er wollte damit aber nicht Fidel Castro nacheifern, der eine Woche davor selbstkritisch bekannt hatte: „Das kubanische Modell funktioniert selbst bei uns nicht mehr.“ (2) Nein, Häupl meinte nicht Karl Marx, sondern die „Gymnasium für alle“-Ministerin Karl. Macht Häupl etwa eine Kehrtwende und engagiert sich für ein Schulsystem der Vielfalt? Kann sich der SPÖ-Grande in die Rolle der LehrerInnen hineinversetzen und hat erkannt, dass wir LehrerInnen nicht gleichzeitig auf fünf verschiedenen Niveaus unterrichten können?

Ganz im Gegenteil: Häupl hat Mitte der Woche einen Auftritt vor den NR-Abgeordneten der SPÖ dazu genutzt, um mit saftigen Worten gegen uns LehrerInnen Stimmung zu machen und billigen Applaus zu ernten, indem er sich sorgte, dass in der Bildungsdebatte derzeit die Interessen der LehrerInnen zu stark berücksichtigt werden.

Aufhorchen ließ mich auch eine Meldung aus Hongkong: Eine Lehrerin musste sich vor Gericht gegen ihre Schulbehörde das Recht erkämpfen, im Schulhaus Hosen tragen zu dürfen. Erlauben Sie mir an dieser Stelle, für eine Minute in die Rolle eines unserer Experten h.c. (3) in Bildungsfragen zu wechseln:

Hongkong ist in internationalen Vergleichsstudien gemeinsam mit Singapur und Taiwan weltweit die Nr. 1 in Begabungs- und Begabtenförderung. Ich erinnere z.B. an die TIMSS-Ergebnisse: Was in Österreich nur jeder zwanzigste 10-Jährige in Mathematik schafft, schafft in Hongkong und Singapur fast jeder zweite! Als Experte h.c. werfe ich dieses Faktum, das von Europas Schulpolitik nicht so locker zur Seite geschoben werden sollte, mit der Erkenntnis, dass Lehrerinnen in Hongkongs Schulen bisher Röcke tragen mussten, in einen Topf und kombiniere messerscharf: „Röcke für alle müssen her, um mit Hongkong mithalten zu können! Weg mit der überholten Vielfalt der Kleidung!“

Wer diese Forderung erhebt, ist – frei nach Häupl – zuvor schwungvoll mit einem Festkörper kollidiert. Darüber wären sich wohl alle einig. Dass aber ein Zusammenhang zwischen Finnlands Gesamtschule und seinem PISA-Ergebnis ebenso abstrus ist, haben manche „Experten“ noch immer nicht durchschaut.

(1) KURIER vom 16.9.2010

(2) Standard ONLINE am 9.9.2010

(3) humoris causa

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Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

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