Gerhard Riegler: Hamburger Erfahrungen

„Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ So lautet der erste Artikel der österreichischen Bundesverfassung, auf den die Bildungspolitik allzu gerne vergisst: Politische „Vordenker“ glauben offensichtlich, die Meinung des Volkes missachten zu können und das Volk durch gebetsmühlenartige Propaganda belehren zu müssen. Doch die Geduld der Bevölkerung findet bei Themen, die die Menschen berühren, irgendwann ihr Ende. Und die Bildung junger Menschen ist – Gott sei Dank! – zu solch einem Thema geworden.

Der CDU-Bürgermeister Hamburgs Ole von Beust meinte, die Bildung bei den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen als politisches Wechselgeld einsetzen zu können: Um sich die Mehrheit zu sichern, ließ er sich die Gesamtschule aufs Aug’ drücken, obwohl er noch während des Wahlkampfs für das differenzierte Schulwesen eingetreten war. Trotz einer blitzschnell ins Leben gerufenen Plattform „Wir wollen lernen!“ meinten Van Beust und seine grünen Koalitionspartner, den Gesamtschulbeschluss durchdrücken zu können. Dass sich die Hamburger SPD dabei die Hände rieb und das entsprechende Gesetz im Hamburger Parlament somit einstimmig beschlossen wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Aus Steuermitteln finanzierte Inseratenkampagnen, ganz ähnlich denen der österreichischen Bildungsministerin, sollten die Hamburger Bevölkerung zur Gesamtschule bekehren. Was der mittlerweile Ex-Bürgermeister unterschätzte, war die Entschlossenheit der BürgerInnen, sich nicht für blöd verkaufen zu lassen. Vielen wird es dabei nicht zuletzt auch um die eigene Brieftasche gegangen sein. Dass sündteure Privatinstitute der unausweichliche Ausweg aus einem staatlichen Gesamtschulsystem sind, wird immer mehr Menschen nicht erst beim Blick nach England bewusst.

Ole von Beust wartete am Tag der Volksabstimmung gar nicht mehr die Bekanntgabe des Endergebnisses ab, sondern erklärte schon Stunden davor seinen Rücktritt. Die BürgerInnen hatten sich durchgesetzt und das Gymnasium als Langform erhalten.

Der Hamburger Bevölkerung kann man zu ihrer Entschlossenheit nur gratulieren, der österreichischen Politik aber empfehle ich dringend, über den Artikel 1 der Bundesverfassung in Kombination mit der Hamburger Erfahrung nachzudenken, statt der Bevölkerung Propaganda vordenken zu wollen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Eine Antwort zu “Gerhard Riegler: Hamburger Erfahrungen

  1. Jantscher

    Man könnte es auch so formulieren:

    Niederösterreich ist ein Teil der demokratischen Republik Österreich und auch hier sollte das Recht vom Volk ausgehen.
    Nur leider interessiert es in Bezug auf Bildungspolitik niemanden!
    Halt!
    Fast niemanden!
    Denn in einem Arche-Noah-artigen Gebäude in einem verträumten Städtchen hat sich vor einiger Zeit eine Gruppe zum Bildungswiderstands berufener verschanzt um einen großen Wurf … zumindest für Niederösterreich … zu entwerfen.
    Gefragt wurde niemand … soviel zur Demokratie … und jetzt steht man vor einem riesen Kuddelmuddel!
    Keiner weiß, wies nächstes Jahr weitergeht … und die homepages vieler Hauptschulen strotzen nur so vor Widersprüchlichkeiten!
    Niemand kennt sich aus, keiner wills gewesen sein, aber die Hoffnung auf ein wenig mehr Geld (das zwar anderen abgenommen wird, aber wen kümmert das schon in einer demokratischen Solidargemeinschaft) hat viele dazu getrieben jaja die ersten bei diesem Modell zu sein!

    Die politisch Verantwortlichen (also nicht nur die der Hamburger SPD) in NÖ rieben sich die Hände, weil sie damit der Bildungsministerin eins auswischen konnten!

    Aus Steuermitteln finanzierte Inseratenkampagnen, ganz ähnlich denen der Hamburger CDU, sollten die niederöstereichische Bevölkerung zum neuen Modell bekehren!

    Was … unterschätzten und weiter unterschätzen, ist die Tatsache, dass die Eltern bald wissen wollen, wie es weitergeht ab der 7. Schulstufe und was weiter unterschätzt wird ist, dass es nur auf Kosten der SchülerInnen geht (weil man den Gymnasien die entsprechenden Mittel entzieht), die man ständig vorgibt weiter fördern zu wollen!

    Hier haben vermeintliche Bildungspolitiker die hatscherten Bildungsexperten Gesamtösterreichs links überholt, um sich geschickt in einer akrobatischen Selbstüberlistungsaktion das Hackel ins rechte Knie zu schießen!

    Der österreichischen Politik und hier besonders der österreichischen Bildungspolitk und ihren selbsternannten Experten (seien sie aus Niederösterreich oder aus Vorarlberg, oder sonstwo her …) aber empfehle ich dringend, über den Artikel 1 der Bundesverfassung in Kombination mit der Hamburger Erfahrung nachzudenken, statt der Bevölkerung Propaganda vordenken zu wollen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s