Gerhard Riegler: Plakativer Eifer am Minoritenplatz

Gestatten Sie mir ein offenes Wort: Es ist mir ums Edit schade, mich darin mit BM Karls Pfingstbotschaft vom selig machenden „Gymnasium für alle“ auseinanderzusetzen. Die Frau Neo-Wissenschaftsministerin hat sehr viele Antworten erhalten, die sich in ihrer klaren Botschaft kaum voneinander unterscheiden. Übersehen dürfen wir aber auch die Interessen derer nicht, die eine höhere Bildung sehr gerne, wie in Gesamtschulstaaten üblich, am Privatmarkt als teures Produkt verkaufen würden. Sie wittern einen günstigen Moment, um das staatlich finanzierte Angebot auszuschalten und so den Weg für die Privatisierung frei zu machen. Die „Aktuellen Zitate“ auf www.oepu.at bieten reichlich Einblicke.

Der Bonner Jugendpsychiater und Bestseller-Autor Dr. Michael Winterhoff (1) hat das Augenmerk auf einen Handlungsbedarf gerichtet, den die Politik in ihrem Schielen nach dem schnellen Gewinn und der Gunst der Massen übersieht: das dramatische Problem, dass immer mehr Jugendliche einen psychischen Reifegrad haben, der, so Winterhoff, auf dem Stand eines Zweijährigen stehengeblieben ist. Die Analyse des Jugendpsychiaters sollte auch die Politik aufhorchen lassen: In einer dreiphasigen Entwicklung geraten Eltern immer stärker in Abhängigkeit von ihren Kindern, um sich schließlich in einer Glücks-Symbiose mit ihnen aufzulösen, ohne ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden.

Der Familienberater Jan-Uwe Rogge (2), ebenfalls mehrfacher Bestseller-Autor, erklärt, welche Wirkung Freunde auf junge Menschen ausüben und wie Eltern mit der „Zweitfamilie“ ihrer Kinder umgehen können. Er sieht in Cliquen so lange keine Gefahr, als „Kinder sich zu Hause sicher gebunden fühlen“. Dieser Befund wirkt nur auf den ersten Blick beruhigend, in Verbindung mit Winterhoffs Analyse alles andere als das. Die Schule könnte unter Einbeziehung von Unterstützungspersonal kompensatorisch wirken – in Gruppen von, so Winterhoff, maximal 12 SchülerInnen.

Es gäbe viel zu tun, um den Zukunftsproblemen unserer Gesellschaft wirkungsvoll zu begegnen. Doch darum kann man sich am Minoritenplatz vor lauter plakativem Eifer bis auf Weiteres nicht kümmern.

(1) SPIEGEL online, 4.5.2010

(2) Berliner Morgenpost, 30.4.2010

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