Gerhard Riegler: Karl und der Billigjournalismus

Das alte Sprichwort, dass „Morgenstund Gold im Mund“ habe, traf Donnerstag früh nicht zu. Nicht nur mir blieb wohl angesichts der Äußerungen der Wissenschaftsministerin im Ö1-Morgenjournal mein morgendliches Müsli im Halse stecken. Kaum eine Stunde später ging unsere Gewerkschaftsvorsitzende bereits mit einer Presseaussendung an die Öffentlichkeit. Zu Mittag erfolgte die Klarstellung, was das „Gymnasium für alle“ (© Beatrix Karl) sei, nämlich eine Einzelmeinung, die sicher nicht die neue bildungspolitische Linie der ÖVP (© Josef Pröll) bestimmen werde.

Erfreulich schnell fand Eva Scholiks Pressaussendung auch den Weg in zahlreiche Medien: Die Online-Ausgabe der „Presse“ druckte sie z. B. fast ungekürzt ab; aber gerade die Kürzung ist bezeichnend für den Umgang vieler JournalistInnen mit uns, der „bösen“ Vertretung der 120.000 LehrerInnen Österreichs. Denn exakt die Passage, in der die im Zerrbild der Medien natürlich immer nur bremsende Gewerkschafterin unmissverständlich Gesprächsbereitschaft signalisiert („Wir orten bei BM Spindelegger großes Problembewusstsein und sind an einem konstruktiven Dialog zur Verbesserung des Bildungssystems interessiert!“), wurde gestrichen, um nicht zensuriert zu sagen. Da schoss mir durch den Kopf, was der Schweizer Univ.-Professor Dr. Kurt Imhof erst vor kurzem gesagt hat: „Österreich hat zwar eine stolze publizistische Tradition, rutscht aber jetzt in den Billigjournalismus.“ (1)

Wer uns LehrervertreterInnen unterstellt, nur mit dem Betonieren des Status quo beschäftigt zu sein, liest unsere Aussendungen, Artikel und Forderungskataloge wohl ebenso selektiv wie mancher BIFIE-“Experte“ die TALIS-Studie. Denn was da am Montagabend am Wiener BIFIE rund um die TALIS-Ergebnisse abgelaufen zu sein scheint, erinnert mich frappant an jene legendäre oder gut erfundene TASS-Meldung zu einem Leichtathletik-Zweikampf zwischen den USA und der damaligen UdSSR. Zur Verschleierung der sowjetischen Niederlage hieß es: „Während unsere heldenhaften Sportler den zweiten Platz erringen konnten, mussten sich die Amerikaner mit dem vorletzten Rang zufrieden geben.“

(1) Oberösterreichische Nachrichten vom 14. April 2010

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Eine Antwort zu “Gerhard Riegler: Karl und der Billigjournalismus

  1. Ursula Heumesser

    Die Art und Qualität der Berichterstattung in den österreichischen (Print-)Medien, inklusive des ORF, erinnert derzeit an die (Schreckens-) Visionen von Huxley und Orwell. Als wir Brave New World in der Schule lasen, dachte ich nie im Traum daran, dass es in Österreich so weit kommen könnte.

    Objektive, faire, gut recherchierte Information von Journalisten, die sich in der Materie auskennen, ist derzeit Mangelware. Und was sich außerhalb unseres „Nabels“ tut hat ohnehin kaum Chancen in Österreich/von österreichischen Medien wahrgenommen zu werden.

    Es schmerzt, auf ARD u. ZDF politische Diskussionen und Berichte zu sehen, deren Qualität mir die Minderwertigkeit der vergleichbaren österreichischen Sendungen umso mehr bewußt macht.

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