Gerhard Riegler: Naiv oder gnadenlos profitsüchtig?

Ein neuer Rekord: Inzwischen würden schon mehr als 60 Prozent der britischen Eltern ihre Kinder in sündteure Privatinstitute schicken, sofern sie es sich leisten könnten! Nicht wenige versuchen es. Sie verpfänden oder verkaufen ihre Häuser, um ihren Kindern den Weg nach oben zu ebnen. Großbritannien liefert ein warnendes Beispiel dafür, wie brutal sich das Ende eines anfangs hochgejubelten Gesamtschulsystems gestaltet: Die Labour-Regierung (!) ist dazu übergegangen, staatliche Schulen, die bei externen Überprüfungen versagen, zu schließen und durch marktorientierte Privatinstitute zu ersetzen. Wohl steckt dahinter auch die Überlegung, allen lange Beine zu machen, wenn die Letzten von den Hunden gebissen werden. LehrerInnen, insbesondere die in sozial benachteiligten Wohngegenden, beneide ich nicht um eine Situation, für die die wenigsten von ihnen verantwortlich sind.

Mit marktorientierten Privatinstituten lassen sich natürlich exquisite Gewinne erzielen, sobald das öffentliche Bildungssystem abgewirtschaftet wurde. Deshalb führt der „Goldesel Gesamtschule“ (© Eckehard Quin) (1) auch hierzulande mitunter zu Koalitionen, die auf den ersten Blick überraschen: Manch Wirtschaftsfunktionäre liebäugeln mit derselben „schönen neuen Schule“, von der sich Blauäugige eine „sozial gerechte“ Schule erträumen. Dass dieselben Wirtschaftsfunktionäre fordern, aus dem staatlichen Bildungsbudget Milliarden einzusparen, sollte auch Blauäugige nachdenklich stimmen!

Wer in Großbritannien seiner Elternverantwortung gerecht werden will, sieht sich als Normalverdiener gezwungen, riesige Kredite aufzunehmen, um für eine entsprechende Schulbildung seiner Kinder sorgen zu können. Denn Führungskräfte der Gesellschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft sind im Gesamtschulstaat exklusive Zirkel von AbsolventInnen der Privatinstitute geworden. AbsolventInnen staatlicher Schulen aber bilden die Masse der Arbeitskräfte, die in einem wirtschaftlich angeschlagenen Staat am Arbeitsmarkt nicht gerade von zahlreichen Chancen oder sozialer Wärme umgeben sind. Besonders empfehlen möchte ich dazu die Lektüre eines Artikels aus der „Neuen Zürcher Zeitung“. (2)

Eine bestmögliche Bildung, die den Talenten und Veranlagungen junger Menschen in all ihrer Vielfalt gerecht wird, ist die Basis für Wohlstand und sozialen Frieden. Wer noch immer meint, dass der Weg dorthin über die Gesamtschule führt, ist entweder sehr naiv oder gnadenlos profitsüchtig.

(1) Siehe http://tinyurl.com/35ugagw

(2) http://tinyurl.com/38gncyh

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Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

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