Gerhard Riegler: Politposse um Vorschulpädagogik

Laut jüngsten Daten der Wiener Sprachheilschule haben 19 Prozent der Pflichtschulkinder sprachliche Defizite. Die Hauptursache für diesen hohen Prozentsatz liege „im Schwinden der generellen Kommunikationsfähigkeit. Kindern wird immer seltener vorgelesen, sie werden vor den Fernseher gesetzt und berieselt. Dementsprechend verkümmern die sprachlichen Fähigkeiten“ (1).

Uns PädagogInnen ist seit langem klar, dass Versäumnisse in der Vorschulpädagogik nur unter größtem Aufwand kompensiert werden können. Jahrelang prallte aber unsere Forderung nach verpflichtender vorschulischer Bildung an den Ohren derer ab, die lieber – im Widerspruch zu den Fakten – aus PISA eine Hetze gegen das differenzierte Schulwesen der 10- bis 14-Jährigen betrieben. Wer Kenntnisse der Unterrichtssprache als Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht bezeichnete, machte sich verdächtig, noch nichts von den Segnungen moderner Pädagogik gehört zu haben.

Vor einem Jahr gelang endlich der Durchbruch: Die Kindergartenpflicht für 5-Jährige wurde beschlossen und sollte mit Herbst 2010 flächendeckend umgesetzt werden. Diese Maßnahme im Interesse derer, die bisher mit einem enormen Handicap in ihre Schullaufbahn geschickt wurden, war ein Erfolg, zu dem wir mit unserem Insistieren wohl nicht unwesentlich beigetragen haben.

Alle waren sich einig, dass die in Österreich geltende Schulgeldfreiheit auch für das verpflichtende letzte Kindergartenjahr gilt. Doch dann glaubten manche Landeshauptleute, diese Errungenschaft mir nichts, dir nichts vom letzten auf alle Kindergartenjahre erweitern zu können. Und jetzt, nur ein paar Monate später, erkennt man, dass das Geld nicht reicht, um diese kühne Ansage zu finanzieren, und bringt selbst das verpflichtende letzte Kindergartenjahr ins Wanken. Vom steirischen Landeshauptmann bis zu Gemeindevertretern ist plötzlich zu hören, dass „gratis“ nicht finanzierbar sei, dass Eltern doch wieder zur Kassa gebeten oder das verpflichtende letzte Kindergartenjahr abgeblasen werden müsse.

Wohl nicht nur ich frage mich, wie lange sich die WählerInnen und SteuerzahlerInnen solche Politpossen und ihre Akteure noch ansehen wollen.

(1) PROFIL, 13.3.2010


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